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Beethoven's Leben.
Erster Band.
Beethoven's Leben
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LUDWIG NOHL.
Erster Band.
Die Jugend.
1770-1792.
LEIPZIG,
Ernst Julius Giinther. 1867.
Beethoven's Jugend
LUDWIG NOHL.
LEIPZIG,
Ernst Julius Gun the r. 1867.
Das Recht tier Uebersetzung in fremde Sprachen behalt sich der Verfasser vor.
Meinem treuen alien Schwiegervater
dem
pens. kais. russischen Gollegien- Assessor
Heinricli Yon Westberg
aus Dankbarkeit und Liebe.
V o r w o r t
'ie nachstehende Biographie Beethovens beruht durchweg auf selbststandiger Forschung. Es gait diesmal nicht, wie bei meinem nMozart" den von einem namhaften Gelehrten bereits quellenmassig festgestellten Stoff in einer Weise zu gestalten, dass das Bild eines grossen Mannes der Kunst nun auch in seiner ganzen Herrlichkeit lebendig anmuthend vor Jedermanns Augen dastehe; wobei ich ne- benbei gesagt nur zu bedauern habe, dass der Losung meiner sonst selbststandigen Aufgabe noch haufige Spu- ren jenes Materials und seiner wissenschaftlichen Verarbei- tung ankleben. Es gait vielmehr diesmal, zunachst mit dem Apparat der historischen Forschung den Stoff selbst theils actenmassig zu begriinden theils neti aufzufinden.
Dass diese nachste Aufgabe des Geschichtsschreibers, die Herbeischaffung und Sichtung des Materials von den bisherigen Biographen Beethovens entweder gar nicht oder nicht zur Geniige gelost worden, — dass keines der vor- handenen Werke liber Beethoven eine wirkliche Biographie des Meisters ist, dariiber war man langst allgemein einver- standen, und eben dieser Umstand 1st es, was den nach- stehenden Versuch einer quellenmassigen und zugleich er- schopfenden Lebensbeschreibung des Meisters hervorrief, die sammt den benutzten Quellen hiermit der gerechten Beurtheilung meiner Fachgenossen und mehr noch der
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fr&undlichen Theilnahme des grossen Publikums, fur das wenigstens der Text des Buches vorzugsweise berechnet ist, in ihrem ersten Theile ubergeben wird.
Ueber die bisherigen Biographien brauche ich mich hier nur kurz auszulassen. Denn Beethovens Jugend ist in ihnen durchaus stiefmutterlich behandelt, und es hat mei- stens einer dem Andern ohne eigene Kritik und ohne weitere Forschung einfach nachgeschrieben.
Zunachst das zweibiindige Werk eines unserer bedeu- tendsten Fachgelehrten : ,,Ludwig van Beethoven, Leben und Schaffen" von A. B. Marx, Berlin, 0. Janke 1859. Hier verweise ich den Fachniann auf die Kritik des Amerikaners Alexander Thayer in Wien, der sich seit Jahren ebenfalls auf das Sorgfaltigste mit Beethovens Le- ben beschaftigt und den Werth jenes Buches nach seiner biographischen Seite hin mit ebenso riicksichtsloser wie kenntnissreicher Sicherheit festgestellt hat in Dwight's Jour- nal of Music Boston 1860 Nr. 420. Und leider ist zu bemerken, dass auch in der 2. Ausgabe des Buches, die im vorigen Jahre erschien, der wurdig;e Autor es nicht fur nothig be- funden hat, tiber die Tilgung kleiuerer Irrungen hinaus nun auch zu eigener Durchforschung des Materials iiber- zugehen. Es scheint eben, als wenn hier das Biographische nur zur nebensachlichen Illustration zu des Meisters Schaffen die nen solle. Und dass dieses, die asthetisch-kritische Be- sprechung von Beethovens Werken den Hauptwerth des Bu- ches ausmacht, habe ich vor kurzem in einem Aufsatz der Zeitschrift ,,0rion," Hamburg, Hoffmann und Comp. II 1. S. 73 f. dargethan, werde aber den Werth jener Ana- lysen erst dort vollig wiirdigen konnen , wo es sich auch in meinem Werke um diese Dinge handelt.
Das fiinfbandige Werk des Livlanders und russischen Staatsrathes Wilhelm von Lenz: «Beethoven, eine Kunststudie", 1855—60, das in seinen ersten Theilen auch dem Marx'schen Buche zur Grundlage gedient zu h a-
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ben scheint, iibrigens selbst und zwar ohne besondere Kritik aus den Schriften von Wegeler und Ries, Schindler und Seyfried ausgezogen 1st, enthiilt nur in den letzten drei Banden — rKritischer Katalog sammtlicher Werke" - auch neues historisches Material, das theils dein Chronisten Schindler durch unermiidliches Anfragen ausgepresst, theils anderswoher allerdings nicht ohne viel Fleiss und Miihe aufgesucht ist, allein abgesehen davon, dass es nur geringe Bedeutung hat, zum Aerger so manches Belehrung suchen- den Beethovenfreundes an einer wahrhaft chronisehen Un- zuverlassigkeit leidet. Doch ist nicht zu laugnen, dass dem weltmannisch gebildeten Deutsch-Russen, so gut wie dem geistreichen aber verschrobenen U 1 i b i s c h e f f, mancher Ein- blick in das weltbedeutende Wesen unsers Meisters gelungen ist und trotz aller Ungeheuerlichkeiten des Inhalts wie des Styles ein mannigfach anregendes Element in dem Buche steckt. Da aber fiir Beethovens Jugend dort so gut wie gar nichts Neues zu finden ist, so miissen wir uns die endgiiltige Beurtheilung dieses Werkes ebenfalls fur spater aufsparen.
Von selbststandigem Werthe und eine wirkliche Quelle fiir Beethovens Jugend, daher auch Grundlage aller spa- tern Arbeiten sind die nBiographischen Notizen" von Dr. Wegeler und Ferdinand Ries, die 1838 in Coblenz erschienen. Der Werth dieser Mittheilungen wird sich im Verlauf unserer Biographic von selbst ergeben. Was Wegeler sagt, ist bis auf wenige und verzeihliche Irrthumer durchaus historisch treu. Den Anekdoten von Ries aber ergeht es meist wie denen des Ritters Ignaz von Seyfried im Anhange des 1832 von ihm heraus- gegebenen Werkes ,,Beeth ovens Studien", deren volliger Unwerth kiirzlich von kundiger Seite zur Evidenz dargethan worden ist: beide Manner erzahlen zwar nach eigenem Erlebniss, aber zugleich aus der Erinnerung an eine Zeit, die fiir sie fast urn ein Menschenalter zuriicklag
und obendrein nur zu oft durch personliche Empfindungen getriibt erscheint.
Manche schatzenswerthe Mittheilung iiber Beethovens Jugend enthalten ferner die Aufzeichnungen, die sich unter dem Namen der nFischhofschen Hand shrift" auf der Berliner Bibliothek befmden. Sie wurden zum Zweck einer Biographic gemacht, die sogleich nach Beethovens Tode durch eine Gesellschaft von Freunden des Meisters unternommen ward, aber an allerhand Hinderungen schei- terte. Sie beruhen auf Mittheilungen von Beethoven und ihm nahbefreundeten Mannern, und wir werden ihren thatsachlichen Inhalt als durchweg richtig auch anders- woher bestatigt sehen.
Das von Jedem zur Geniige gekannte Hauptwerk end- lich, das in geschichtlicher Hinsicht iiber Beethoven existirt, Anton Schindler's nBiographie von Ludwig van Beethoven", das 1860 bereits die 3. oder eigentlich die 2. Auflage erlebte, ist als Quelle von allergrosstem Werthe, gibt jedoch fur die Jugend des Meisters nur sehr wenig mehr als Wegelers nNotizen". Im Sommer vorigen Jahres war ich mit diesem verdientesten Historiographen Beethovens, den ich bereits von frtiher her wohl kannte, wieder personlich zusammen. Wer dabei die aufrichtige Freundlichkeit gesehen hatte, vvomit dieser seltsame alte Herr mit seinem mumienhaften Aeussern mich, der doch in seinem eigenen sorgsam gepflegten Krautgarten zu grasen gedachte, bei sich aufnahm und behandelte, — die un- ermiidliche Aufmerksamkeit , womit er tagelang das von mir zusammengebrachte Material Stuck fur Stuck durch- ging, berichtigte und erganzte, — die uneigennutzige Be- reitwilligkeit , womit er mir so manches aus Beethovens Nachlass vorlas oder vorzeigte, und die Thranen, die be- redten Zeichen der Running, welche die lebhafte Erinne- rung an den verstorbenen grossen Freund und an bessere Tage in dem alten einsamen -Manne, iiber den die Zeit
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la'ngst hinweggebraust war, jetzt hervorriefen, — wer end- lich den lebhaft ermunternden Grass gehort hatte, womit er mieh, den jungen Biographen, der nicht ohne schwere Besorgniss seiner Aufgabe entgegenging, entliess und mir laut Muth einsprach, — wer dies alles mit mir erlebt hatte, der wiirde ebenfalls mit mir alle Unart und Unbill, die der etwas eigensinnige und hochfahrende Herr, der die Kenntniss von Beethovens Leben und Schaffen als seine Domane zu betrachten sich gewohnt hatte, gegen so Manchen, freilich meist gereizt begangen haben mag, gern vergessen. Ja er wiirde nicht ohne eine gewisse Hochachtung die Treue preisen, womit dieser einzig unverjagbare unter den Freunden Beethovens sich noch nach dessen Tode zu seinein unwandelbar ergebenen Diener machte und alle Zuriicksetzung und mannigfache Verhohnung gerne auf sich nahm , urn nur fort und' fort seinem grossen Herrn und Meister dienen zu konnen. Die seltene Treue ist's, die auch eine Krone verdient !
Jetzt freilich ist er todt, dieser echte Schildknappe des Meisters, mir und Jedem, dem an der genauen Kennt- niss Beethovens etwas liegt, zu friih, viel zu friih gestor- ben. Denn mit ihm sank eine reiche Fiille von Erinnerun- gen ins Grab, die weder er selbst vollig zu benutzen noch ein Anderer zu heben verstanden hat. Sein Werk aber, dem allerdings der Mangel an gestaltender Kraft und hoherer Geistesbildung seines Verfassers den Werth eines wirklichen Lebensbildes von Beethoven ebenfalls vorent- halten hat , wird uns besonders in den spatern Ab- schnitten von des Meisters Leben nicht bloss als eine wahre Fundgrube zur Kenntniss seines Thun und Lassens dienen , sondern es bleibt auch fur jeden nachfolgenden Bio- graphen eine Art von rectificirendem Massstabe fur Beet- hovens Charakter, von dessen eigentlichem Kern Schindler, wenn er ihn auch nur sehr stiickweise in seinem Werke zu enthiillen vermochte, dennoch eine ungleich tiefere Ahnung besessen zu haben scheint, als alle seine Nachfolger.
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Ueber die Art nun, wie ich selbst meine Aufgabe ver- standen, wie ich Beethoven aufgefasst und seinen Lebens- gang eingetheilt habe, darf ieh hier nichts sagen. Sie muss sich aus dem Buche selbst erklaren , zumal im Text oder in den Anmerkungen die bestimmenden Griinde iiberall angegeben sind. Dass ich den grossen Meister der Musik mitten in die Geschichte seiner Zeit und nicht bloss der Kunst gestellt habe, damit setze ich nur die Versuche aller meiner Vorganger fort, deren jeder mehr oder weniger das Gefiihl hatte, dass in der Personlichkeit dieses Kunstlers die geistigen Bestrebungen seiner Zeit zusammenlaufen und dass namentlich auch das so- ciale und politische Leben jener grossen Tage in Beetho- ven einen so starken Wiederhall gefunden hat, dass er als einer der Haupttrager jener fruchtbarsten Ideen unseres Jahrhunderts zu betrachten 1st. Darum hoffe ich auch, dass sowohl Text wie Anhang meines Buches nicht allein fur die Geschichte der Musik von quellenartiger Bedeutung erscheinen werden.
Den folgenden Band rBeethovens Mannesalter 1793 bis 1814" gedenke ich, wenn die Bewaltigung der er- staunlich umfangreichen Literatur irgend gelingt, ebenfalls im laufenden Jahre vollenden zu konnen. Darauf folgen dann zunachst nBeethovens letzte Jahre 1815 — 27" und zum Schluss rBeethovens Werke".
Noch bleibt mir iibrig , meinen warmsten Dank alle den Mannern auszusprechen , die mich bei meiner Arbeit unterstiitzten. Und wenn ich statt ihrer aller hier nur die Herren Dr. Hanslick, Dr. von Sonnleithner, Dr. Standthartner Dr. Weilen, Dr. C. von Wurzbach mit seiner hochst schatz- baren Beethoven-Sammlung, Fr. Espagne in Berlin, H. M. Schletterer in Augsburg und J. J. Maier hierselbst nenne, so muss ich doch gestehen, dass ich ohne die Beihilfe auch der vielen Andern schwerlich zu der reichen Fiille neuen Materials gelangt ware , womit ich auch in den folgenden
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Banden meines Werkes alle Freunde unsers Meisters zu erfreuen hoffe. Sollte es mir aber gelungen sein, auch meiner Darstellung einen Anflug sowohl von dem hohen Ernst wie von dem herzbefreienden Humor zu geben, die Beethoven selbst einerseits zu einer so verehrunggebieten- den Erscheinung machlen andrerseits seiner Umgebung so oft iiber die Unebenheiten seines Wesens hinweghalfen, — sollte vollends dieser erste Theil von Beethovens Le- ben schon die Spuren jener eigenthiinilichen Grosse an- schaulich machen, die diesen Kiinstler s.owohl nach sei- nem Charakter wie nach seinem Schaffen iiber die Zeitge- nossen erhebt und neben die grossten Manner aller Zeiten setzt, cfann ware das Ziel meiner Arbeit erreicht und manche Stunde schwerer Anstrengung reichlich belohnt.
Munch en, den 10. Marz 1864.
L. Nohl.
Beethovens Jugend.
1770 — 92.
Erstes Buck.
TRAUMEN,
1770—84.
Nohl, Beethoven's Jugend.
Erstes Kapitel.
Niederrheinland.
Lnter die nicht sehr grosse Zahl der Manner, in denen sich das Besondere des germanisehen Wesens zu seiner vollen Bedeutung ausgepragt hat und die eben dadurch weltgeschichtliche Personen gewbrden sind , gehb'rt vor alien auch Ludwig van Beethoven.
Es 1st bekannt, dass die Entwicklung des menschlichen Geschlechtes durch den Eintritt der Germanen in die Geschichte eine Richtung nahm, die durchaus von der Weltauffassung der Alten verschieden, vom Moment an bestimmend fiir das nachste Jahrtausend blieb. Erinnern wir uns der Eigenthtimlichkeiten , die diesen Stamm in der grossen Familie der Vb'lker zu einem so ganz be-
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senders ausgezeiclmeten Kinde machen, so kann es nicht auftallen, dass gerade er es war, welclier die Traditionen oder vielmehr die geistigen Errun- genschaften der alten Welt in ihrer vollen Reinheit aufzufassen un'd in ihrem Kerne weiter zu bilden vermoehte, Der Charakter des Germanen war be- reits ron Natur darauf angelegt, die Welt vorzugs- weise aus dem Gesichtspunkt des Geistes zu be- trachten und dadurch besonders geeignet das, was das Alterthum erst durch praktische Ueberwindung des Irdischen, durch empirisches Durchkosten aller Sinnendinge gewonnen hatte, als selbstverstandliches Besitzthum von vornherein mit voller Unbefangenheit hinzunehmen. In ihm selbst lebte bereits als nattir- liche Anlage jenes Ueberwinden der sinnlichen Welt, zu der aucli die Alten ini tolgerichtigen Prozess ihrer Entwicklung hatten gelangen miissen. Er tibernahm also die Giiter der Vergangenheit ohne drlickende Schulden als reines Capital und wirthschaftete damit im grossen geistigen Haus- halt der Volker zum Heile der Menschheit mit riisti- ger Gesundheit weiter.
Von dieser grossen Mission der germanischen Natur, das Irdisehe zu vergeistigen und den Men- schen ttber das Niedere hinweg zum directen Ver- kehr mit dem Uebersinnlichen zu erheben, — eine Mission, die sich in einer Reihe weltgeschichtlicher Glieder dieses Stamnies darstellt und noch heute unverandert fortbestelit — , hat die Geschichte wohl
kaum ein herrlicheres Beispiel aufzuweisen , a!s eben Beethoven, in dem bereits die Natur selbst die besonderen Eigenschaften des Stammes in einer seltenen Weise scharf und gross zur angebornen Anlage auspragte und ihm so die feste Grundlage zu einer Individ ualitat gab, die die Gewahr einer dauernden Wirkung auf die Menschheit von vorn- herein in sich trug.
Die Richtung des ges ammten Wesens auf ein liber der Welt thronendes Geistiges, dem sich aber die eigene Natur durchaus gleichartig ftihlt, war es also, was wir in Ktirze als den Grnndzng der germani- schen und besonders der deutschen Natur bezeich- neten. l Aus ihr stammt dann allerdings zunachst jene grosse und im innersten Kern reine Auffassung aller Dinge. Aber aus ihr stammt auch *neben dieser deutschen Urtugend die gauze Reihe der deutschen Untugenden, als wie jene souverane Verachtung alles Irdischen als etwas Schmutzigen und die seltsame Ungeschicklichkeit, sich in die Welt und ihre Nothwendigkeiten , in die gemeine Wirklichkeit der Dinge zu linden , dann wieder trotz aller innern Hoheit jene Ziige von Kleinheit, ja Kleinlichkeit, die bald zum Lachen, mehr aber noch zu traurigen Empfindungen stimmen und eine natlirliche Folge der Verwicklungen sind, in welche sich solche Geistesart mit der Welt bringt und womit sich gewissermassen die Mutter Erde racht ftir die Geringschatzung, die ihr zu Theil wird, da
sie sich doch fiir den Bestand der Dinge im Grunde eben so nothwendig ftihlt, wie der Geist.
All jene bezeichnende Art des Deutschen, die durchausidealistischeAuffassung der Welt, wobei der Geist, der ewige, sich der irdischen Httlle gewisser- massen schamt und dann doch in jedem passenden Moment wieder mit der Nase darauf gestossen wird, dass er des Korpers nicht entrathen kann, — all jene zurtickdammende Verachtung der sinn- lichen Eegungen , die sich dami nachher jah explo- dirend selbst Luft machen und den Geist in seiner Un- zulanglichkeit lacherlich oder gar bemitleidenswerth erscheinen lassen, ja ihn erst recht in ihren Schmutz hinabziehen, — all diese Unbehilflichkeit in Dingen der Welt, um derentwillen wir von anderen Na- tionen* stets verspottet und von den behenderen Italienern gar mit dem ehrenvollen Titel einer ^razza inferiore" beschenkt werdeu, — andererseits jene iiberwaltigende Machtigkeit des Geistes, der sich mit dem Urwesen alles Seins stets in un- mittelbare Verbindung zu bringen strebt und, indem er aus sich selbst die Losung der tiefsten Geheimnisse der Welt zieht, jenen Spottern eine stille Achtung abzwingt, die sie stets in geziemender Entfernung halt, — ferner auch das Harte, das Rauhe und Unge- wb'hnliche der Darstellungsweise , die sich an den Reiz der aussern Erscheinung, so wie ihn die liebe Erde zeigt, gar wenig kehrt, sondern stets
das Wesen selbst dringt und eben hier auch den
ureigenen Ausdruck fiir ihren oft unaussprechlichen Inhalt findet, — jene rUckhaltlose Art, die direct auf die hochsten Ziele des Geistes losgeht und den Muth hat, die Dinge zu sagen wie sie sind, - endlich die Wtirde und Weihe, die das echte deutsche Wesen wie ein geistiger Hauch umspielen und eine natiirliche Folge des innern Ernstes sind, womit er stets auf Erfassung des Geistigen drangt, jener hinreissende Schwung des gesammten Wesens, wenn der innereMensch in Erregung ist, jeneunwider- stehliche Innerlichkeit und begliickend warme Wahr- haftigkeit der Empfindung, wenn das Herz sein Leben ausspricht, — all diese Ziige, denen es der Deutsche verdankt, dass er in Dingen des Geistes zuletzt doch Sieger bleibt und die ubrigen Volker zur Verehrung, ja zur Nachfolge zwingt, werden wir auch als entscheidende Charaktereigenthumlich- keiten in Beethoven und als Besonderheiten seiner Werke wiederfinden. Neben dem Tiefsinn, aus dem der deutsche Geist sich schon vor Jahrhunderten eine reinere Gottesanschauung gebar und dessen kunstlerische Darstellungen sich oft in so ausser- lich reizlose Fornien hullen, dass sie Vielen ganz unverstandlich bleiben, steht ferner auch bei Beetho- ven jener herzbefreiende Humor, die natiirliche Frucht seiner geistigeren Weltanschauung, das be- sonderste Gut unseres Stammes und das unfass- lichste flir die fremden Nationen. Ja diese tiefsten Quellen derdeutschenNaturwarenes, die Beethovens
Wesen die eigentliche Nahrung und da sie niemals durch fremde Einfliisse alterirt wurden, auch seinen Werken jenes Ureigenthumliche gaben, wodurch dieselben vor fast alien andern Aeusserungen desdeut- schen Geistes hervorstechen und zu wahren Repra- sentanten desselben geworden sind. Und da nun obendrein die Ausdrucksweise, in der sich Beetho- vens "Wesen auspragte, eine Sprache ist, die nur den allereigensten geistigen Stoif unsers Innern, das heisst nur das ausspricht, was sich der Mensch ganz zu eigen geinacht, ganz in sein Herz auf- genommen hat, so vermochten seine Werke in ihrer wortlosen Beschrankung die Besonderheit deutschen Empfindens, deutscher Geistesstimmung auch reiner und intensiver zu iiberliefern, als alle tibrige Kunst. Neben diesen Tugenden germanischen Geistes, die unserm Meister Stoff und Kraft zu seinen grossten Werken gaben, werden wir aber auch an ihm reichlich die Mangel wiederfinden, die mit Nothwendigkeit aus denselben hervorgehen und die dem Bilde dieses grossen Mannes seinen krafti- gen Schatten geben. Und zuletzt wird sich ein Menschenbild herausstellen, welches, wie das stets bei bedeutenden Personlichkeiten der Fall ist, im Grund ein Bild des Menschen ist, nur gefarbt nach der Besonderheit des Ortes und der Zeit, unter der es entstanden. Das zu straff gespannte Bewusstsein der personlichen Bedeutung, das aus der lebendigeren Erkenntniss von der Unend-
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lichkeit des Geistes herrtthrt, <ler alte Stolz der
Titanen, von dem die Griechen singen, regt sich
auch in Beethoven und last sich oft als Trotz
gegen Hohere , als Tyrannei gegen Niedere heftig
aus. Das cholerische Feuer im deutschen Heldenblut?
das Riesenthaten auszufiihren weiss, jene "Urwild-
heit des reckenhaften weissgelockten Volks aus
Heklas Gluth, und kaltera Schnee a bricht auch in
Beethoven oftmals zerstorend hervor, und er weiss
nachher kaum, wie er das gelhane Unrecht wie-
der gut machen soil, tibertreibt die Reumlithigkeit,
die angestammte Herzensgiite. Auch fehlt nicht die
gute alte deutsche Rauflust, freilich abgeschwacht
zu einer Rechthaberei, die den Freunden oftmals viel
zu schaffen machte, - - nicht die bekannte Aben-
teurerei, die so manchen Deutschen bis ans Ende
der Welt verschlagt, jedoch hier ebenfalls in ge-
horiger moderner Verdltnnung der blossen Lust,
die Wohnung haufig zu wechseln, gebahnte Wege
zu meiden und ins offene Feld, in den tiefeu
Wald hineinzusturmen auf Kosten von Garderobe
und Gesundheit — , nicht all die kleinen Uhbe-
quemlichkeiten, die der naheren Umgebung des
Meisters aus seiner unbezwinglichen Sehnsucht nach
freier Bewegung, nach unbehinderter Geltung der
Individuality erwachsen — , nicht jene Neigung, sich
auch in der Wirklichkeit ein Stuck des idealen Da-
seins zu schaffen, nach dem der Geist eine stets leben-
dige Sehnsucht in sich tragt; und daher riihrt dann
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eine Hinneigung zur Schwarmerei und zur Romantik, ja zur Grefuhlsschwelgerei, eine Lust am Schmerz, an der Melancholic, Wonne der Wehmuth, tiefste Herzenstraurigkeit , Sattigung in Thranen, freilich immer vom Schaffen moderirt, dann wieder ausge- lassene Hingebung an die Freude, erhb'ht zu Zeiten durch den Wein , ja glucklicherweise auch ein leiser Nachhall jener alten Trinklust der Germanen, die uns den andern Vb'lkern so oft verdachtig macht. 3 Alle diese deutschen Helden-Tugenden und -Untugenden werden uns in hundert Ziigen auf un- serer Wanderung durch das Leben und die Thaten des grossen Mannes begegnen, und wir, wir werden uns dann nicht verwundern, auch nicht daran stossen, sie nicht zu bemanteln noch zu entschuldigen su- chen? sondern sie wohl begreifen; weil wir wissen, dass eine wirkliche Individ ualitat eben nur aus die- ser vielseitigen Mischung menschlicher Krafte und Triebe erwachst und? wenn sie eine wirklich bedeu- tende ist; auch versteht, das Gerolle der Uneben- heiten und Eigenheiten mit der Starke des schaf- fenden Lebensstromes ins Meer der endlichen Ausgleichung hinabzuschwemmen.
Die angedeuteten Besonderheiten des gerniani- schen Wesens nun sind nirgend anderswo zu solch hervorragender Scharfe und Bedeutung ausgepragt, als im Nordwesten Deutschlands, — den Geburtslan- den Beethovens. Die grobkornige Art der Nieder- deutschen ist allbekannt. Sie herrscht, so weit man
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plattdeutsch spricht. Der Kampf mit einer unlieb- sameren Natur, als sie der Siiden Deutschlands bietet, lasst eben jenen Gegensatz von ausserer Erscheinung und innerm Wesen scharfer hervor- treten. Geist und Sinnlichkeit klaffen welter aus- einander , und derweilen dem Lande und Klima ge- mass nach aussen oft ein derbes und unmanierliches Benehmen auffallt, lebt innen eine Tiefe des Ge- miiths, eine edle Siltlichkeit, die eben eine mehr geistige Anlage des ganzen Menschen verrath. Das was man innere Gesinnung nennt? zeichnet diese Stamme besonders aus und darnach behandeln sie einander und die Fremden. DieLeichtigkeit des ausse- ren Verkehrs dagegen und raanierliche Freundlich- keit gegen Jedermann ist weniger ihre Sache. Der Siiddeutsche ist gemiitlilich , der Niederdeutsche gemiithvoll. Das Leben hier zeigt im Ganzen mehr Ernst und Innerliclikeit, ist gehaltvoller; ein lange- rer Winter treibt die Menschen enger zu einander, sie haben mehr ein hausliches, ein Famiiienleben, als ein offentliehes. Sie reden nicht viel? sind zu- riickhaltend, ja schwerfallig ; und das ,,tartaruga tedesca", das sogar der Wiener Ditters dorf von einem Italiener in Bologna horen musste, 4 passt recht eigentlich nur auf den Niederdeutschen. Allein seine schildkrotenhafte Langsamkeit in allem Thun und Lassen macht doch auch wieder alles solider, und es muss wohl so sein, da ihn nur dauerhafte Vorrichttingen gegen die Ungunst seines Klimas
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schiitzen. So hat auch seme Freude nieht das sichtbar Heitere und Leichte, das der Siiden zeigt ; man vergleiche nur die Hoehzeit beim Immer- mann'schen Hofschulzen mit einem Feste im baieri- schen Gebirge. Das Bewusstsein von dem Werthe des eigenen Geistes, das dem Germanen semen Weltberuf gab, 1st dem Niederdeutschen, well er eben tiefer in sein Inneres zuriickgeschlagen ist und dauernderen Verkehr mit sich selbst libt, auch entschiedener aufgegangen; und wie er in seinem Gottesdienste keine Formel und kein Bild duldet, wo es sich um rein geistige Vorstellungen handelt, so ist auch sein ganzes Dasein von einer unmittel- baren Beziehung auf das Geistige durchwebt, und dies gibt ihm etwas Ernsteres, Unsinnlicheres, aber auch Niichternes und sogar oftmals Puritanisehes. Selbst die landschaftliche Natur zeigt in dem grosseren Theile vom Nordwesten Deutschlands diesen ernsteren Charakter; ja sie hat sogar einen, starken Anstrich von Melancholic, und ein Rues- da el, der wie wenige Kiinstler die Natur in ihrer Wahrheit aufzufassen wusste und besonders in Wcstfalen seine Studien machte, verrath in manchen seiner Bilder die ganze herbe Einsamkeit, aber auch die stille Urkraft dieses Landes, das so oft auf weiter Haide nur knorrige Eichenstamme her- vorbringt, ,,Tief im oden Westfalen" - - beginnt so manche Erzahlung; aber man darf gewiss sein, nachher kommen Zilge von einem Ernste des Den-
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kens, von einer Tiefe und Innerlichkeit des Empfin- dens, liberhaupt von den besten Tugenden des Deut- scben, wie sie wenig andere Gaue aufzuweisen haben. Und dieses Trtib-Ernste des Landes und seiner Bewobner steigert sicli gar oft bis zum wirklich Tragischen. Wie denn nicht zu vergessen ist? dass die Nation , deren grosster Sohn einen Kb' nig Lear dichtete, ihren besten Kern, die eigentliche innere Art und Kraft durcbaus dcr Ab- stamraung aus diesen niederdeutschen Landen ver* dankt! Und ein aufmerksamer Sinn wird in den Volksmarcben, die uns jetzt so vielfach gesanimelt vorliegen7 leicht erkennen, dass die plattdeutsch geschriebenen weitaus die an innerem Gehalt be- deutendsten sind. Das beisst, eben diese bekunden jenes tragische Gefiibl, die tiefe Ahnung von der unausfiillbaren Kluft, die das Irdische vom Himm- lischen? das Sterbliche vom Ewigen trennt, in einer so ergreifenden Weise und sprechen das unausloscb- liche Sehnen nach dem Friedeh der Wabrheit, das allein jene Kluft iiberbrucken hilft, init einer solchen Gewalt aus, dass wir bier am iiberzeugend- sten jenen Trieb zum Geistigen erkennen? der den Deutschen so weit uber die anderen Nationen erhebt.
Aus dieser tragiscben Grundstinmiung , die in dem Niederdeutschen so entschieden 'hervortritt, entwickelt sich danu aber in ebenso ausgepragter Weise ganz naturgemass das humoristische Element.
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Wie der Re in e eke Voss erst in plattdeutschen Landen zu seiner Vollendung gedieh, so findet man unter diesen robusten Vierschrotern auch geborne Clowns genug und Prachtexemplare wie die Shakes- peare's. Ja das ganze Dasein dort ist von Humor durchzogen, und da dieses Schalkhafte dem Frem- den meist ganz unverstandlich bleibt, so entgeht ihm auch, wo in dieser ausserlich trivialen, nur auf das Materielle gertchteten Existenz denn eigent- lich die Poesie des Menschen, die freie geistige Regung steckt. Und derselbe Zug des Humoristischen war es ja, der den ernsten, ausserlich unfeinen und poesielosen Beethoven in hundert kleinen Din- gen des Lebens den Wienern haufig so unverstand- lich machte. Denn obgleich sich am Rhein, soweit man noch plattdeutsch spricht, besonders da wo der Strom in die norddeutsche Ebene eintritt , im Ganzen diese Besonderheiten des Niederdeutschen etwas temperirt zeigen, so pflegen sie doch in den genialen Naturen auch dieser Gegenden mit voller Kraft hervorzutreten , und zwar in einer eigenthiim- lichen Farbung und mit besonderen Vorzugen.
Es hat namlich der lebhafte Weltverkehr, die stete Beriihrnng und Untermischung mit fremd- artigen Elementen, die der Rhein seit altesten Zeiten erleidet, diesen Landen zu der angestammten Eigenthiimlichkeit der Ureinwohner, .die sich selbst- redend nie ganz verwischen lasst, noch ein anderes Element hinzugegeben, und zwar dasselbe, welches
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die Angelsachsen in England von den Romanen empfingen und was sie schneller auf einen hohen Grad der Cultur erhob und ihnen frtthe zu bedeu- tenderen geistigen Thaten rerhalf, als die iibrigen germanischen Stamme aufzuweisen haben. Das ist die Fahigkeit, dem Leben in seinen verschiedenen Erscheinungen scharf ausgepragte, allgemein gttl- tige Formen und dem Lebensgehalte vor Allem einen kunstlerischen Ausdruck zu verleihen.
Schon Caesar berichtet von den Bewohnern des oberen Niederrheins, den Ubiern, dass er sie als ein gesittetes, beredtes? wohlhabendes, gewerb- sames und handelkundiges Volk getroffen habe. Sie besassen schon damals Stadte und trieben Handelsverkehr mit den civilisirteren Galliern, deren Umgang auch sie gebildeter und beliebter machte, als die ubrigen germanischen Volkerschaften. Sie gewannen schon friih in ihrem ausseren Beneh- men etwas von der Beweglichkeit und Manier- lichkeit jenes Volkes, ?,das den Wechsel liebt". Und da dieser Verkehr immerfort im Gange blieb, so zeichneten sich die Rheinlander bereits im Mittel- alter durch einen leichteren Sinn, feineren Ton, gefalligere Sitte, uberhaupt durch eine Neigung aus, dem Leben zu dem sicheren Bestande des materiellen Daseins den Schmuck einer edlen Bil- dung, vor Allem der Kunst zu leihen. Sie ent- wickelten sich rascher und mannigfaltiger als die iibrigen Stamme des Nordens*, und wahrend be-
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senders das nahe Westfalen die alte ranhe deut- sche Sitte mit all ihren Mangeln und Tngen- den fast bis in die allerneueste Zeit treu bewahrte, im Uebrigen aber sich weder durch allgemeine Cultur noch durch besondere geistige Thaten hervorliob, ja in seiner Geschichte kaum einen einzigen Mann aufzu- weisen hat, durch den in geistigen Dingen dem Vaterlande merklich weiter geholfen ware, erzeugten die Rheinlande solche schopferische, ja weltbewe- 'gende Geister in jedem Fache und in ununterbro- cheuer Reihe seit Jahrhunderten. Und wenn man auch in dem biederen Westfalen sagt: ,,Hei es vam Rhine", um einen pfiffigen, geriebenen, ja lockern und unzuverlassigen Menschen zu bezeichnen, so konneh eben diese klobigen langsameren Freunde von Schinken und Pumpernickel doch nicht laug- nen, dass sie seit unvordenklichen Zeiten jedwede Art ihrer Bildung von eben dicsem ,,Rhinea be- zogen haben und vielfach noch -heute bezieheu.
Vor Allem der Kunstiibung gereichte nun dieses aufgeschlossenere Leben und der Verkehr mit einer Volksart wie die Romanen sind, zum grossten Vortheil. Franzosen wie Italiener besitzen ja von Natur einen ungieich lebhafteren und reineren Formsinn als die Deutschen ; es pragt sich Alles was sie sind und thur, zu ausserordentlich be- stimmten, ja schonen Formenund oftmals zu Typen aus. 5 War es ohne Zweifel in England eben diese gliickliche Mischimg romanischerFormenklarheit mit
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germanischer Geistestiefe gewesen, was diesem Inselvolke bereits vor swei Jahrhunderten ein uni- versales Genie der Dichtkunst verlieh, wie wir es kaum heute aufzuweisen haben, so gewahrte auch am Rheine die lebhafte Bewegung aller Kreise dem Volke schon friih die Fahigkeit, seinen Geist wie seine Sinne zu bilden. Die vielen Feste und Ver- gntigungen, durch die sich der Rhein von je aus- zeichnete, da sein mehr heiteres warmes Klima auch den Aufenthalt im Freien erleichtert, geben etwas zu sehen und zu horen ; und es ist ja bei aller Kunst, die eben ein Darstellen des Lebens in ansprecliender Form ist, die stete und allseitige Uebung aller Sinne die erste Vorbedingung des Schaffens. Schon die lieblichere Natur, die der Rhein vor dem tibrigen Niederdeutschland voraus hat, die sanften und doch belebten Fonnen der nahen Berge mussten auf Erweckung des Schonheitssinnes seiner Bewohner wirken, und so finden wir denn auch diese Lande voll der herr- lichsten Bauten aus alter wie aus neuer Zeit. In- haltvoller, ernster, innerlicher ist das Leben des nordlicheren Deutschlands im Ganzen vielleicht ge- blieben, aber reicher, mannigfacher ist das rhei- nische. Lebt in Westfalen mehr Herz und Kopfr so findet am Rheine die Einbildungskraft mehr Thatigkeit. Das geistige Vermogen wird wie das materielle rascher umgesetzt, man besitzt es wie dieses doppelt, weil man es im Verkehr mit AU- NG h 1 , Beethoven's Jugend. 2
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deren allaugenblicklich verwerthet. So 1st der Rheinlander lebhaft ini Reden, schlagfertig und voll muntern Witzes, und dieses stete Verausgaben seines Capitals macht ihn nicht armer, vielmehr hundertfach reicher. Mag also der Westfale den Rheinlander oberflachlicher und mehr den sinnli- chen Dingen ergeben nennen, eben diese Fahigkeit das Leben zu geniessen und zu schmucken, selbst die leise Neigung zu prunken oder wenigstens sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. haben ihn zur Kunsttibung friih geschickt gemacht, ja er hat das ubrige Norddeutschland von je darin iiberfliigelt und vor Allem in Malerei und Archi- tektur grosse Triumphe erlangt. Ebenso sind seine Volkslieder, sowohl in Dichtung wie in Musik, ungleich mannigfacher und wohlklingender als die westfalischen und tragen doch eben so oft Spuren von der ganzen Tiefe des Gemiithes, die den Nord- lander kennzeichnet.
Im Allgemeinen aber ist der Rheinlander heiter. Er liebt es, das Leben von der guten Seite zu nehmen und liber seine Unbilden wo moglich mit einem Scherze hinwegzukommen. Diese Eigen- schaft macht ihn besonders zu einem angenehmen Oesellschafter ; ja seine Umganglichkeit? die ihn vor den iibrigen Norddeutschen auszeichnet, zieht Fremde wie Einheimische besonders an, so dass das rheinische Leben wegen seiner frohlichen Beweg- lichkcit eines gewissen Ruhroes geniesst. Sagt
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man doch, die rlieinischen Feste haben etwas Be- rauschendes wie keine andern. Dazu hilft freilich, dass das Land auch einen gutcn Wein erzeugt, wesentlich mit. Ja dieser Wein ist von alien, die die Erde tragt, der edelste zu nennen, weil er die edelsten Theile des sinnlichen Menschen erregt. Denn wahrend das siidliche Getrank vorzugsweise auf das vegetabilische Leben einwirkt, also im Grande nur ein Nahrungsmittel ist, erregt der Wein des Rheins die feinsten Nerven, wirkt auf Sinne und Phantasie und lasst seine Trinker die norddeutsche Schildkrotenart meistens gegen sttd- deutsche, ja walsche Lebendigkcit vertauschen. Und mogen die Romanen ihn unreif nennen, diesen Wein, — die Hitze, die ihn zeitigt, ist gross genug, um das a'tkerische Oel zu erzeugen, das ihmDuft und Poesie gewahrt, und doch nielit so gross, dass eben dieses Feinste wieder verkoche. Nur das Bouquet macht den Wein edel ; und ein Volk, das solchen Wein zum gewohnlichen Lebensmittel hat, muss Phantasie besitzen und die Neigung, das Leben seiner Grauheit zu entkleiden, es poesie- reich und schmuckvoll zu machen. Ja nicht mehr als ein blosses Lebensmittel, sondern zu dem besseren Zwecke, den schlaffen Geist durch Erre- gung der Phantasie aus dem gemeinen Dasein zu erheben, wird es ihn gebrauchen. Der Rhein- lander liebt den Genuss des Weines; er irinkt ihn, um zu geniesaen, und zwar so lange es ihm schmeckt,
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nicht bloss bis der Durst geloscht ist. Das ware bloss thierisches Genttgen. Der Rheinlander trinkt, um zu trinken, aus Lust an dem edlen Nass, und ,,wenn man getrunken hat, weiss man das Rechte". Er wird heiter und zum Reden angeregt. Zum guten Trunk gehort aber auch ein guter Bissen. Auch die Ktiche ist trefflich am Rhein, mannigfach und reichlich, des Rheinlanders Gaum en ist ver- wohnt. Er treibt aber auch das Essen nicht wie einGeschaft, das nur schnellabzumachen ist, sondern als ein Ding, das dem Menschen zur Freude erfun- den ist. Er macht auch daraus gern ein Fest, eine gemeinsame Freude. Er ist der Erfinder der Table d'hote, und man sitzt da keineswegs stumm zu Tische, wie das liebe Vieh, das am Fressen genug hat, sondern heitere Reden , Witz und Laune wttrzen das Mahl wie den Wein. Und wie nun jeder Tag durch die Mittagstafel einen freundlichen Abschnitt erhalt, so mtissen auch Tage, Monate, Jahre .durch heitere Feste von einander getrennt sein, und hier kam die Kirche dem Volksbediirfniss von je liebreich entgegen. Feiertage gibts am Rhein noch heute genug, dazu Wallfahrten, Kirmess, Schutzenfeste, Schifferstechen, Sangerfahrten und hundert andere Dinge mit Tanzbelustigung. Den Mittelpunkt aber bildet der Carneval, und wer den Rheinlander ganz kennen lernen will, muss ihn in dem Fasching auf dem Gurzenich in Coin sehen. Fiir- wahr hier gilt das Wort jenes Bischofs vom Fass-
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deckel und Spunt doppelt und dreifach, und tolle, iibertolle Freude wird man nirgends so wiederim- den. Dabei 1st alles von Musik begleitet, rheinische Sanger sind heute wie allzeit beruhmt. Furwahr Grand genug zum lauten Singen jenes Liedes,: ,,An den Rhein, au den Rhein, zieh nicht an den Rhein
Mein Sohn, ich rathe dir gut, Da geht dir das Leben zu lieblich ein,
Da bliiht dir zu freudig der Muth." 6 So ist dieses Landchen in jeder Hinsicht ge- eignet7 Kunst zu Uben und Kiinstler zu erzeugen, und wie es von je darin fruchtbar war, ist es noch heute. Es geniigt nur einen Namen wie Cornelius zu nennen. Aber einmal fasste sich die besondere Art des Landes in all ihrer Tiefe, Fulle und Macht, in Heiterkeit und Ernst, in Reichthum, Glanz und Lebendigkeit kraftvoll zusammen und erzeugte einen Sohn, in dem all diese Eigen- schaften in ihrer vollen Herrlichheit auftreten, so dass er ein Ideal seines Stammes zu nennen ist und den Namen der Rheinlande in die weite Weft tragt. Um Homers Besitz stritten sieben Stadte, Frankfurt lebt durch Go* the, wenn kein Mensch den deutschen Kaiser mehr kennt, und so lebt Niederrheinland ewig durch den ,,goldenen Musi- kanten", ' den sie vor zwanzig Jahren mit Pomp auf den Miinsterplatz in Bonn stellten.
Zweites Kapitel.
Aneien regime.
Das hochste Ziel alles menschlichen Bestre- bens 1st den Einzelnen zu einem freien, sich selbst bestimmenden Wesen zu machen. Wie die Reli- gion und Moral am Ende keinen anderen Zweck verfolgen, als uns dieses unser eigentlich mensch- liches Besitzthiim zu verschaffen oder zu wahren, so hat auch alle politische Entwicklung kein an- deres Ziel als dieses. Der Staat hat nicht wie ein Nachtwachter dem Burger bloss seine materielle Existenz zu sichern, sondern vor Allem seine hohere Entwicklung, die Ausbildung seiner edelsten Krafte, seiner menschlichen Vorziige zu bewirken oder doch zu ermoglichen.
In diesen letzten Zielen alles Bestrebens hatte schon die alte Welt der Griechen und Romer einen grossen Sieg tiber die orientalische Despotic, die
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das Individuum nicht aufkommen liess, erfochten und zum ersten Male das angeborne Recht des Menschen, durch eigenes Handeln die eigene Gliick- seligkeit im Himmel wie auf Erden zu gewinnen, anerkannt, ja bis zu einem gewissen Masse auch praktisch durchgefiihrt. In einem hoheren Shine aber bemachtigte sich dieses schonsten Resultates jahrhunderte langer Arbeit der Alten jene Volker- familie, bei der auch das Streben der Individualitat bereits ein allgemeiner Charakterzug war, eben weil sie von Natur eine entschiedenere Hinneigung zum Geistigen, eine grosse Meinung vom Werthe desselben hatte und also auch das Geistige im Menschen und vor Allem sein auszeichnendes Recht, in freier Selbstbestimmung, in vernunftigem Willen den eigenen Geist zu bewahren, ihr dringend am Herzen liegen musste. Es waren ja jene grossen corporativen Verbande des Mittelalters ein ganz eigenartiges Erzeugniss des germanischen Geistes, um dadurch social wie politisch dem einzelnen Menschen zu einer lebendigeren Verwerthung wie zum reicheren Genusse seiner Besonderheit zu verhelfen, und es zeigte sich in Folge dessen auch bereits in sehr fruhen Jahrhunderten bei uns eine ausgepragtere mannigfaltigere Individualitat des Menschen, als sie selbst der Republikanismus der Griechen und Romer zu gewahren vermocht hatte. Allein viel grossere Freiheit der Bewegung, viel weiteren Spielraum zur Bethatigung seiner
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eigenthtimlichen Krafte verlangt der Mensch, um sich als ein sich selbst bestimmendes Wesen glticklieh zu ftihlen, und bald empfand man auch jene mittelalterlichen Einrichtungen , dermaleinst der sieherste Schutz gegen aussere Feinde und die beste Gliederung einer Gemeinschaft, deren Mitglieder noch roh gewaltthatig und ungestum waren, als unzureichend, ja ihre Bande wurden allmalig zu einem unausstehlichen Druck selbst fiir die, welche ihnen angehb'rten, gescbweige denn fiir die grosse Menge derer, die rechtlos draussen standen. Erhob sich nun in Folge der hoheren Entwicklung, zu der der Einzelne durch eben diese socialen und staatlichen Verbande gelangt war, die Feindseligkeit gegen die Vorrechte von Stand und Zunft, die die freie Anwendung seiner Kraft und Einsicht vielfach sehmalerten, bereits in den roma- nischen Staaten sehr frith und gab Gelegenneit zur Ausbildung einer Souverainetat, vor der eine grossere Gleichberechtigung der Staatsangehb'rigen moglich war. weil die Macht der Bevorrechteten gebrochen oder doch bedeutend zurtickgedrangt werden konnte, so ging der Geist der germanischen V5lker in der gleichen Epoehe zunachst wieder tiefer in sich selbst und auf jenen ewigen Grund, auf jenes unverausserliche Recht des Menschen zur Selbstbestimmung zuriick und that, vor Allem in Deutschland, zunachst jene erste und grosste That des deutschen Vennb'gens, die Reformation,
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das heisst die Erneuerung des angebornen Rechtes des Menschen, sich in geistigen Dingen selbst zu bestimmen, sein eigenes Innere zu fragen, was recht und go'ttlich sei, und mit seinem Herrgott direct und ohne storendes Zwischenwerk von For- men und fremden Handen, nach seines Herzens eigenem Rathe zu verkehren.
Diesem ersten Bruche mit dem Zwang, den die mittelalterliche Gottesanschauung dem Innern auferlegt, folgte in Deutschland sebr bald der zweite, der Bruch mit der socialen und politischen Beschrankung alter Zeit. Gleich den Herrschern von Frankreich und England wussten die deutschen Fiirsten den Kampf mit der hinsinkenden Macht des alten Lehnverbandes stets zur Starkung ihrer Souveranetat zu verwenden, und es kam in das moderne Staatsleben eine erste Ahnung von der Gleichberechtigung aller Staatsangehorigen. Dieser Versuch jedoch, die Macht der Bevorrechteten zu brechen ; wie erfolgreich er auch war und wie lebhaft er auch von Burger und Bauer begrusst Wurde, kam zunachst nur den Fiirsten selbst zu Gute. Oder vielmehr die Mehrzahl der Fiirsten blieb da stehen, wo ihre Macht fest begrtindet er- sehien, und liess es sich nicht einf alien, dass der gesammte Prozess und Si eg am Ende denn doch nur wie durch das Volk so auch fiir das Volk ge- schehen sei. Das Volk vielmehr verblieb vielfach unter dem Drucke eines Systems von Vorrechten,
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das den Menschen nicht zum ungetrubten Genusse seiner selbst kommen Hess, sondern nur soweit gebrochen war, als es den Rechten der Krone im Wege stand. Diese waren die Hauptsache, nnd sie sollten bald zu einem argeren Zwange werden, als die mittelalterlichen Corporationen und Verbande jemals gewesen waren. Dieser Druck aber sollte denn auch schliesslich zu einer grttndlicheren Re- form, zu einer umfassenderen Befreiung iuhren, als alle bisherigen Versuche, und wir werden seiner Zeit auch erfahren, wie diese Kampfe auf die Verfassung und Stimmung der Menschen wirkten. Zunachst haben wir nun den Zustand etwas naher anzuschauen, in dem man sich zur Zeit der Bluthe der Souveranetat befand, und es mag Nie- manden Wunder nehmen, dass hier in einer grosseren Ausftthrlichkeit, als man es in der Geschichte der Kunst und besonders der Musik gewohnt ist, von der socialen, ja politischen Bewegung der modernen Zeit die Rede ist. Wir mussen hier bereits andeuten und darauf hinweisen, wie sehr gerade Beethoven dem geschichtlichen Leben seiner Zeit nahe steht und dass er es war, der auch die Musik itber die engen Granzen der Kunste hinaus zu einer allge- mein wirkenden geistigen Macht zu erheben wusste. Auch werden wir noch hundertfach sehen, wie sehr dieser Meister bei seinen hervorragendslen Werken sowohl Stimmung wie Intention aus der geschichtlichen Bewegung seiner Tage nahm und_
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dass ihn nachst seiner Kunst sogar nichts so sehr beschaftigte, wie diese. ImLesen der Zeitung war er ebenso ungern gestort wie im Componiren, und in beiden Fallen konnte sich der ungliickliche Storen- fried, sei er es zufallig oder absichtlick, ernes titanischen Zornausbruches von Seiten des Meisters versehen. Schauen wir also noch etwas naher zu? in welcher Verfassung sich das politische Leben der Zeit befand, in der Beethoven geboren wurde, und was fur einen Emfluss dieselbe auf die ge- sammte Stimmung der Zeit hatte. l
Es waren also die Fursten, nachdem sie mit Hilfe ihrer Truppen, das heisst des Volkes, den friiher gleichberechtigten Adel immer mehr nieder- geworfen oder durch Aemter an ihre Hofe, an ihre Interessen gefesselt batten, iortan ebenso eifersuchtig auf die Erhaltung ihrer Souveranetats- rechte, wie es iiberhaupt nur Bevorrechtete sein konnen, und bald benutzten sie ihre Macht, die zum Heile, zur Befreiung des Volkes beitragen sollte, durchgehends zu einem Zwange, der alle freien Regungen mehr hemmte, als sie in der Zeit der mittelalterlichen Verbande gehemmt waren. Es fiel ihnen ja diese Ueberwaltigung des Volkes besonders in Deutschland um so leichter, als ein dreissigjahriger Burgerkrieg, — in welchem einer dem andern weiss zu machen suchte, es handele sich um die heiligsten Interessen der Menschheit, um Religion, um das Recht der Selbstbestimmung in
geistigen Dingen, da es sich doch wesentlich um die Rechte und Launen der Dynasten handelte, — am Ende Burger, Bauer und Adel in erschrecken- der Weise hatte verarmen lassen. Allmalig nun bildete sich in diesen modernen Staaten eine Be- vormundung aus, die den Menschen in politischen wie in religiosen Dingen vollstandig zum unmiin- digen Kinde herabdruckte. Und nachdem nun gar ein fiicksichtslos energischer Louis XIV. das ,,L'e"tat c'est moi!" einmal bestimmt und frech aus- gesprochen und keinen Widersprueh in einer Nation, der freilich ,,gloire" und ,,honneur" genug sind, gefunden hatte, machten die ubrigen Herren Sou- verane diesen Satz bald zum Princip all ihres Handelns, und selbst die Besseren unter ihnen, die wohl wussten, dass denn doch am Ende der Ftirst um des Volkes willen da ist und nicht umgekehrt, selbst der herrliche alte Fritz, dessen Heldenthaten das Bewusstsein der Kraft wenigstens in kriegeri- schen Dingen im Volke wieder wachgerufen hatten, und sogar der edle Joseph II., der ,,Schatzer aller Menschen", der mit ruhmlich liebenswurdigem Eifer dem Drachen des mittelalterlichen Zopfes und Aberglaubens auf den Leib ging und sich dadurch selbst ein so ungluckliches Leben und einen so friih- zeitigen gramlichen Tod bereitete, - - sogar diese Fursten, die durch ihre Thaten dem Jahrhundert ihr Geprage gaben und sich auch bin und wieder redlich bestrebten, im Menschen den Meuschen
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anzuerkennen, gelangten in ihrer politischen Er- kenntniss doch nicht welter als bis zu dem Satze : ,,Alles fur das Volk, Nichts durch das Volk.<<
So kam es denn, dass sich allmalig durch ganz Europa in politischen Dingen eine Stagnation verbreitete , die die grbsste Unmiindigkeit und Hilfslosigkeit des Menschen zur Folge hatte. Eine Anerkennung des Rechts der Selbstbestimmung in b'ffentlichen Dingen , eine thatige Hilfeleistung jedes Einzelnen an dem grossen Werke des Staates, jenes allgemeinen Schulhauses der Menschheit, lag jener Zeit so fern, wie dasselbe Recht in religiosen Dingen der mittelalterlichen Kirche nur jemals gelegen hatte. Wem nicht der Furst selbst durch Er- theilung eines Amtes Einsicht in die Staatsdinge verlieh, der hatte keine, durfte keine haben. Ruhe war die erste Burgerpflicht, der beschrankte Unter- thanenverstand hatte nicht zu raisonniren, denn von der Staatsrafson, die allem andern, der Vernunft wie dem Recht leider allzuoft verging, verstand er eben nichts.
BeL einer solchen Verktimmerung des Vorrechts des Menschen , sich in der Verfassung seines ausseren Lebens nach dem in ihm lebenden Gesetze der Vernunft zu bestimmen und mit eigener Kraft zu helfen, — bei einer solchen Unmiindigkeit und Rechtlosigkeit in b'ffentlichen Dingen musste sich denn auch bald iiberhaupt das Rechtsgefuhl und die Sittlichkeit im Volke auf einen tiefen Grad
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herabstimmen. Wird der Mensch allzusehr an niedertrachtige Unterthanigkeit gewohnt, so wirkt der Sclavensinn bald auch zersetzend auf seine gesammten inneren wie ausseren Zustande. Der Mensch 1st nur sittlich, wenn er frei 1st. Nur wer sich in alien Dingen des Lebens selbst bestimmen kann, wahlt auch in sittlichen Dingen das Rechte, das Gute, gibt dem Andern was ihm gebiihrt. Dazu kam nun in jener Zeit noch ein Hofleben, wie es der Deutsche frtiher nicht gekannt, ein Dasein, das jedes Laster, jede Ausschweifung und Corruption aller Art nieht bloss duldete, sondern selbst auf das Allervielfaltigste ausbildete. Ja es schien, als seien die Hofe nur dazu da, um mit dem besten Vermogen des Volkes ein moglich lustig liederliches Leben zu fiihren. Es entschied nur die Laune, das Geliiste des Fiirsten und man kann sich denken, was da herauskam. Freilich waren Erscheinungen wie der Hirschpark- Louis mit sei- ner Pompadour und August der Starke nicht die eigentliche Regel. Aber solche Willkur und Lie- derlichkeit wurden denn doch uberall an den Hofen allgemach mehr oder minder Mode. So kam es, dass das ganze Land sich gewohnte, sich nur als das gute Futter seines Herrn zu betrachten, und freie, selbstbewusste Kraft, mannliches Auf- treten im Gefiihl der angebornen Wtirde des Men- schen wurden immer seltener. Ja, im Gegentheil verkehrte sich das Wesen des Menschen immer
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mehr zur weibischen Unnatur, und niemals sah man in Deutschland das Weib mit seinen Launen und Liisten mehr herrschen, als in dieser Zeit des brutalen oder auch patriarchalischen und aufge- klarten Despotismus. Genugsam verrath uns die Kleidermode, das Costtim jener Zeit, mit welchen Idealen die Phantasie der Menschen erfiillt, auf welche Abwege sie gerathen war. Zopf, Puder und Reifrock sprechen aller Natur wahrhaft Hohn, und man wendet sich mit Abscheu oder auch mit Lacheln fort, wenn man sieht, mit welcher Sorgfalt der feine Herr des vorigen Jahrhunderts seine Toilette zu machen liebt, wie viel Zeit er dem Perruquier zu gonnen, welchen Aufwand von Aufmerksamkeit er auf die wohlgefallige Ausstaffirung seines Leich- names , auf Jabot und allerhand Spitzenkram zu richten hat a.
Allein niemals — und das ist der Trost aller derer, die sich mit der Geschichte vertraut machen, — niemals lasst sich der menschliche Geist auf seinem Pfade der Entwicklung zur hoheren Voll- endung, zu immer reinerer Hervorbildung seines Wesens, zu immer wilrdigerer Gestaltung seiner aussern Zustande hemmen. Stets findet er neue Auswege; und ist die Bahn ihm hier verrannt, so sucht er so geschmeidig wie unwiderstehlich an- dere Balmen, sich selbst und seinen hohen Aufgaben genug zu thun. So hat auch die Zeit; deren Kehr- seite wir so eben erblickten, eine Sonnenseite^ eine
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Seite, wo sich die Menschheit als in ihren edelsten Bestrebungen nicht gehemmt, sondern begunstigt, ja sogar im raschesten Fortschritt begriffen dar- stellt. Durfte der Mensch nicht politisch thatig, nicht auf eine Ausgestaltung der staatlichen Zu- stande nach den Ideen der Zeit bedacht sein, so blieb ihm doch sein eigener Heerd und sein eige- ner Geist, sein eigenes Herz. Also sehen wir ihn; der von der b'ffentlichen Buhne ganz und gar aus- geschlossen ist und dieRollen der echtestenMannes- thatigkeit an gemiethete unfreie Acteurs iiberlassen muss, denn auch in einer seltenen Weise Einkehr bei sich selbst halten und nun den Versuch ma- chen, ob denn nicht wenigstens in seinem Privat- leben jene reinere Anschauung vom menschlichen Wesen, die ihm seine gereinigte Gottesanschauung verliehen hatte, praktisch durchzufiihren und we- nigstens im eigenen Hause reineres, edleres? wahr- haft wiirdiges Menschenthum zu schaffen sei. Ob ihm dieses Bestreben gelang? - - In Deutschland ge- wiss und auf das Allerbeste.
Schon im Anfang des vorigen Jahrhunderts, als noch der politische Schlaf der Deutschen sprichwortlich war und der gute Michel gehanselt und ausgepliindert wurde, dass es eine Art hatte, zeigten sich die segensreichen Folgen jener grossen reformatorischen That, die Deutschland fiir die Welt gethan hatte, ja es wusste sich der deutsche Geist schon damals wiederum die Hochachtung
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der Nation en zu erkampfen. Und zwar waren es diesnaal einfache Musikanten, denen es gelang, den neuen Wundern dcs Geistes einen Ausdruck zu verleihen, dass sie laut und allgemein verstandlich in die Welt hinaustonten: es waren die beiden Saehsen Bach und Handel, welche zuerst wie- der Zeugniss gaben von dem reicben Herzensschatz, der im deutscben Leben liegt und jetzt von Neuem aufgegangen war. Nun aber begannen die Gemuther, die in sich selbst wieder sicher geworden waren und den Bund mit dem Himmel vom Neuen fest geschlossen fuhlten, sich auch wieder auf der lie- ben Erde umzuschauen, und derselbe Pietismus, der jene Musik gescbaffen hat, schuf die ersten Anfange einer Poesie, in der die Nation vorerst leise jenes schonere Dasein, das traute herzinnige Miteinandersein besang, dem sie auch in der Wirklichkeit entgegengehen sollte. Das Kecht sei- nen Gott mit eigner Kraft zu suchen und mit ihm sich nach des eigenen Herzens Fiihlen und Lieben zu verstandigen, wollte man fortan auch auf die liebe Erde ubertragen sehen, wollte auch seinen Heerd nach den Neigungen einrichtenund schmucken, die das eigene Herz eingab. Alle Stimmen der Poesie vereinigen sich darin, dieses Evangelium des Herzens als die Hauptsache zu predigen; and wie Lessing gegen die bornirten Theologen, die dem aufrichtig liebenden Herzen die Himmelsthttre
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vor der Nase zuschlagen wollen, well es die todten Forineln, zu der auch sich die neue Kirche zu ver- knoehern begann, nicht mag, noch anerkennt, so kampfen vor Allem em Go the, ein Mozart gegen die Vorurtheile, die dem naturlichenTriebe des Herzens, der Wahl der Liebe entgegenstehen. Beide ftihren ihre Lehren bald auch im eigenen Leben nach Moglichkeit durch, und zeigen in ihrem Privat- dasein ein anmuthig liebliches, wahrhaft mensch- liches Wesen, und ihnen folgt allgemach die Menge der Sterblichen in langen Zugen nach.
Es ist wahr, bis in den Anfang, ja die Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Deutschen wesentlich ein theologisches Volk, aber darin welt- bestimmend wie die theokratischen Hebraer. Auch jetzt freilich begannen sie der Welt zunachst sich nicht viel anders als wie eine literarische Nation, wie Denker- und Dichterseelen zu zeigen. Allein die ,,Ideologenu sollten auch bald staatsfahig wer- den und durch mannliches, ja heldisches Wesen den alten Ruhm ihrer Geschichte wieder her- stellen. Schon jetzt, wenn wir es naher betrach- ten, besitzen sie jene ewige Grundlage des Men- schendaseins , jene Urquelle aller grossen Thaten, den wahrhaft sittlichen Bestand des Hauses, der Familie. Waren die Deutschen auch bereits den Romern bekannt und verehrenswiirdig wegen ihrer Privattugenden , eigentlich verdient der Deutsche erst im vorigen Jahrhundert den Namen des Sitt-
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lichsten der Vb'lker. Erst das vorige Jahrhundert zeigt wahrhaft edle, wahrhaft sittliche Naturen, zeigt echte Humanitat als den Grundkern des Fa- miliendaseins. Und das 1st die andere Seite des ,,Ancien regime" und der Herrschaft der Frauen in ihm. Sie eben bringen das ewig Weibliche, die stille Tugend des Herzens und schone Harmonie des gesammten Wesens zur Anerkennung, zur wahr- haften Wirkung. Dies konnte ja nicht anders sein, sobald das Privatleben die Rennbahn wurde, auf der sich der Mann mit seinen Idealen tummelte: im Hause, in der Familie herrsckt der weibliehe Sinn, das Herz der Frau. So sehen wir denn neben aller Niedertrachtigkeit, Verdorbenheit und Gesin- nungslosigkeit des allgemeinen Lebens jener Zeit an so manehen Stellen, in kleinen Stadten, selbst an manchen Hofen einen stillen Cultus der hb'chsten Ideale entstehen, von dem selbst unsere so viel- fach verges clirittene Zeit durch die Unruhe des offentlichen Treibens weit entfernt ist. "Wir sehen wahrhafte Ideale der Menschheit auftauchen und mit ihnen naturgemass auch die Schopfungen des Men- schen, die aus dem Ideale fliessen, die Werke der Kunst. Schb'nere liebenswerthere Erscheinun- gen des menschlichen Geschlechts sab Deutschland nie. Aber aus der seltenen Menge der wahrhaft edlen Geister jener Zeit ragen zwei hervor, die als leibhafte Ideale des Menschen alien Jahrhun-
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derten voranleuchten werden, well sie es verstan- den, alle Widerspruche des Lebens in die schone Einheit des liebenden Herzens und des schaffenden Geistes aufzuheben, Mozart und Go the. Ein Jahr- hundert, das solche Bluthen erzeugte, wahrlich es muss unter die schonsten, unter die fruchtbarsten Sacula aller Zeiten gerechnet werden , und ein Hauch der Liebenswurdigkeit dieser Manner,- ein wahrer Friihlingsduft schoner Menschlichkeit muss die ganze Zeit darehweht haben , die sie hervor- brachte.
Wenn wir uns also dieser Kunstler und ihrer Werke recht erinnern, dann liegt das Positive vor uns, was jene Zeit gebar; wir kennen den Seelen- grund, den sie ihren Kindern mitgab und haben uns nur noch umzusehen, was dieselbe Zeit als tiber diesen Besitz hinaus erstrebenswerth darstellte. Denn aus diesen beiden Elementen, aus Besitz und Streben ist wie aus Kette und Einschlag das Genie gewoben, das einer nachfolgenden Epoche ihren Gehalt und ihr Ideal zugleich gibt.
Man wtirde namlich die Art jener Zeit des ancien regime schlecht verstehen, wenn man uber- sahe, wie sehr manche hervorragende Geister sich auch jenes Rechtes erinnerten , dessen moglichst freie Ausubung wir als das Ziel aller menschlichen Entwicklung hinstellten. Vielmehr hat es in weni- gen Perioden unserer Geschichte so riicksichtslose Denker gegeben, wie im vorigen Jahrhundert, und
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mancher Aberglaube , hierarchischer wie dynasti- scher, warde durch ihren Scharfsinn im Bewusst- sein der Menge so griindlich zerstort und die Er- innerung der Selbstbestimmung so macbtig in den Gemiithern erweckt, dass. es gar nicht Wunder nehmen kann, wie nun auch diese Gedanken bald allgemeln praktisch durchgefiihrt wurden. Die Re- volution war eben innen langst vollzogen, ehe sie nacb aussen zum Durcbbruch kam. Wie batten Voltaire und die Encyclopadisten sowobl den Altar wie den Thron langst alles Nimbus ent- kleidet und bereits auch die besten unter den Ftir- sten bewogen nach den Grundsatzen der ,,Auf- klarung" ihre Lander zn reformiren! Es wa- ren denn auch unter dem Vorgange Friedrich des Grossen fast in alien Staaten Europa's hunderte von Missbrauchen und Ungerechtigkeiten der alten Zeit gefallen. Allein ebenso viele waren freilich stehen geblieben, und namentlich das ,,divin droit" der Fiirsten und das reinere Blut des Adels waren fort und fort ein Aergerniss in den Augen denken- der Manner, die sich der angebornen Rechte unsers Geschlechts erinnerten. In dieser Hinsicht am weite- sten ging der Mann des ,,contrat social". Wenn Voltaire mit genialem Witz den Ungerechtigkeiten der Welt beizukommen suchte und freilich damit der erschreckendsten Frivolitat in alien Verhaltnissen Thtir und Thor offnete , so erzeugte Rousseau mit der Schwungkraft seines Genius und der rei-
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nen Tiefe seines Gemuthes wieder eine Begeisterung ftir die hochsten Giiter der Menschheit und einen Drang der Herzen nach Gluckseligkeit, die zur Quelle der herrlichsten Thaten wie mancher un- sterblichen Werke wurde und sich neben dem Sin- nentaumel, der Ironie und dem Mystizismus jener Tage wunderbar genug ausnimmt. Wo der ktihne Held Zweifel mit blanken Waffen reine Bahn ge- macht hatte, da folgte dem Zerstb'rungswerke ein begeisterungsvolles Schaffen an alien Ecken und Enden.
In Deutschland lief diesen Bewegungen pa- rallel, zum Theil durch sie zum Theil durch die englischen „ Freethinkers" angeregt , jenes grosse Wirken eines Leibnitz, eines Lessing und Kant. Auch diese Manner raumten mannlich auf im Unrath der Zeit und durchstb'berten mitunter auch die ganze Rumpelkammer der Haupt- und Staatsactionen , die ihnen fur gewohnlich fern lag. Die Partie der Begeisterung aber fiir ideale Dinge, die ebenfalls zuweilen bereits in das politische Gebiet hinuberstreifte , tibernahm der edle tiefsin- nig schwarmerische Klopstock und entzUndete tausend Gemiither fur Christenthum und Vaterland. In seinen Dichtungen spiegelt sich am reinsten die Grundbewegung wieder, die ganz speziell im deut- *schen Gemtithe vor sich ging, denn er hatte auch ""das lebhafteste Gefuhl fiir den Jammer seiner Na- tion in politischen Dingen. Allein jenes Motto zum
Gotz von Berlichingen: ,,Das Herz des Volkes 1st in den Koth getreten und keiner edlen Begierde mehr fahig!" — verrath, dass auch unser nicht sehr volksmassiger Dichterkaiser in seiner Jugend ein lebendiges Bewusstsein hatte von den Bedtirf- nissen des Volkes. Freilich ftir seine Bildung, fiir sein Wohl in sozialen Dingen sorgte er auch als Minister in einer nachahmungswiirdigen Weise, aber dass politische Thatigkeit, freie Bewegung in offentlichen Dingen die einzige Luft ist; worin ein Volk wirklich gedeihen. kann, ist ihm oftmals entgangen. Einem edlen Fiirsten zu dienen schien ihm ein hOheres Ziel des Strebens als selbst- sehaifend auch die staatlichen Zustande nach dem Gedanken einzurichten, der ihn sonst in alien Din- gen beseelte: freie Regung des Individuums in wohlgeordneter Gemeinschaft. Darum verlautet auch von ihm kein besonderes Wort, als die erste prak- tische Verwirklichung Rousseau'scher Ideen, die erste wahrhaft politische That des Jahrhunderts geschah, die Unabhangigkeitserklarung der amerikanischen Col onien. Allein nicht ebenso dachte das deutsche Volk, und wenn auch die un- geheure Mehrzahl teutonischer Philister noch vor- wiegend mit der theologischen Hautung beschaftigt war und genug hatte an ihrer Freude liber die neue und allerdings glanzende literarische Haut^ tiber die herrlichen Fruchte ihrer Dichter, •— weit- sichtigere Manner begriissten doch mit Jubel daB
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Unternehmen der Freistaaten, ,,wo jetzt einGebaude sich erhob, in dessen Umkreis zuerst Menschen- rechte an die Stelle von Staatsrechten traten, Freiheit an die Stelle von Freiheiten und Grleichheit an die Stelle von Herrschaft und Knechtsehaft! Der Name Washington
iiberstrahlte die aller Heroen alter und neuer Zei- ten. Unzweifelhaft hatte seit den Tagen der Refor- mation kein Ereigniss mehr so elektrisch in die Herzen der Mensehen eingeschlagen : es ging ein hoffnungsfreudiges Aufathmen durchEuropa." Klop- stock nannte diesen Freiheitskampf ,,die Morgen- rb'the eines nahenden grossen Tages" und als er ausgekampft war, dieser Kampf, da wagte man selbst in Berlin, wahrend der alte Fritz noch kaum in seinem Sarge erkaltet war, in schwungvoller Ode die Worte: ,,Europas Jubel feiert den heilig- sten aller Siege! — Und du, Europa, hebe das Haupt empor! Bald glanzt auch dir der Tag, da die Kette bricht, du Edle frei wirst, deine Fiirsten scheuehst und als ein gliicklicher Volksstaat grtt- nest!« *
Doch eilen wir nicht zu weit voraus, nicbt tiber die vorbereitenden Elemente, mit denen wir hier zu thun haben, hinweg schon mitten in den Sturm der Wogen. Denn wie weit war die Welt, war vor Allem Deutschland damals noch davon entfernt, sieh allgemein ftir das ^selfgovernement" zu begeistern! Einstweilen vielmehr iuhlte sich
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namentlich Vetter Michel noch recht wohl unter seinen vaterlichen Herrschern und duldete gern sogar das straffere Anziehen der Zttgel, das sich der alte Despot in Berlin erlaubte. Ftthlte er doch, dass dadurch etwas Haltung in ihn hineinkam und damit vielleieht etwas Respektforderndes , ja Imponirendes fttr die andern Nationen. Die mei- sten deutschen Stamme aber schwelgten einst- weilen behaglich in den tausend wUnterhaltungenu dahin, die der giitige Sinn ihrer Herren, beson- ders wenn sie geistliche waren, ihn en gestattete und meist sogar selbst mit Liebe zubereitete. Nur ist zum guten Gltick zu berichten, dass denn doch diese Unterhaltungen vielfach die besten waren, die der Mensch tiberhaupt kennt, dass sie geistige waren, ja dass man sogar die Bedeutung der Kunst fur die Entwicklung des Menschen an vielen Hofen bereits zu begreifen anfing. Und welche Friichte produzirte eben diese Kunstliebe des Volkes und der Ftirsten zu jener Zeit, wo in kurzer Aufeinanderfolge eine Emilia Galotti, Minna von Barnhelm, Go'tz, Werther, Na- than, Egmont, die Rauber, Don Carlos erschienen und die Biihnen Deutschlands zu wah- ren Pflanzstatten der edelsten Bildung machten ! - wo Gluck seine antiken Musikdramen, Mozart seine Entftihrung, Figaro, Don Juanschrieb! Und ein Theil dieser Werke sprach gar lebhaft
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den „ Sturm und Drang" aus, der in die Menschheit gekommen war, predigte in einem Don Juan das Eecht der Natur so stark als es nur ein Kousseau irgend vermochte, in einem Faust das Recht des Gedankens , die hb'chste Art jener freien Selbst- bestimmung, nach der die Menschheit ringt, in der Zauberflote die reinste Tiefe der religiosen Empfindung des Herzens, und in Schiller's Jugend- dramen schon etwas von dem Anspruch der Men- schen auf praktische Verwirklichung jenes Rechtes auch im staatlichen Leben! Diese letztere Stimmung, die eigentliche Grundlage unserer Zeit , war aber damals kaum im ersten Erwachen, dammerte kaum im Bewusstsein der Vorgeschrittensten auf und hatte selbst da noch jenes weltburgerlich allge- meine Geprage, welches aller reellen Durchfiihrung durchaus entgegensteht. Aber gerade dieses weit- gehendste Streben der Zeit und besonders dann wenn es noch recht ideal ist, ergreift die ideal angelegten Naturen am starksten, wird zur Grund- stimmung ihrej Seele und dann massgebend flir ihr ganzes Leben. Nur in der Jugend gewinnen wir eine Ahnung von dem was man den Geist der Zeit nennt. Aber dann auch saugt ihn das empfangliche Gemuth um so begieriger ein , als noch nicht Erfahrungen aller Art die Sinne fiir die Aufnahme der wirklichen Dinge gescharft und das hb'chste .Vermogen des Geistes abgestumpft
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haben. So werden wir auch bei Beethoven finden, dass nur die letzten Resultate aller geistigen Be- strebungen des vorigen Jahrhunderts bel ihm eigent- lichen Eingang fanden,, aber dass er eben dadurch auch der grosste Fortschrittsmanu des Jahrhunderts wurde.
Drittes Kapitel.
Maximilian Friedrich.
Es 1st eine durchaus natlirliche Erscheinung, dass die meisten grossen KUnstler in den alien Culturstatten geboren werden. Albrecht Dtirer war ein Sohn des ehrwlirdigen Niirnberg, das in tausend Dingen von jeher den deutschen Landen Kunst und Bildung gewahrt hatte. Bach und Handel stammten aus dem Lande, das die grosste deutsche Geistes- that, die Reformation gethan und dadurch bewie- sen hatte, welch tiefe Wurzeln hier die hochste Geistescultur geschlagen hatte. Auch in jedweder Kunstubung standen die Obersachsen ebenbtirtig neben den Franken, in der Musik aber waren sie diesen wie alien deutschen Stammen weit voraus. Eine gleiche Regsamkeit und altgewohnte Uebung
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in geistigen Dingen hatte der Ort aufzuweisen , wo Deutschlands grosster Dichter das Licht der Welt erblickte. Und wahrlich hatte Gothe nicht schon von Jugend an jene freie Uebung des Geistes ge- nossen, die den Menschen erst zum Menschen maeht, er hatte auch nicht sogleich in den ersten Aeusserungen seines Innern , in den friihesten Ge- dichten , in den Jugendbriefen jene unerreichte Klarheit , Leichtigkeit und Naturlichkeit der Sprache gezeigt, die ihn vor alien Dichtern auszeichnet. In ahnlicher Weise nmgab unsern Urmusikanten , den Musiker von Gottes Gnaden, Wolfgang Amadeus Mozart, bei dem jede Regung Musik ist und der im Grunde nichts kannfe als Musik, von frtiher Kindheit an ein Grad von Cultur und vor Allem von'Kunsttibung, wie ihn die kleinen geistlichen Fiirstenhofe, zumal wenn sie wie Salzburg mit Italien in steter Beruhrung standen, durchweg im vorigen Jahrhundert aufweisen. Eine gewisse altge- wohnte Kunstthatigkeit , so wie sie sich in Bau und Ausschmiickung der zahlreichen Kirchen und Palaste zeigt, und eine gewisse Beschaftigung mit der schonen Literatur, sei es auch nur die klassische oder die italienische, sowie iiberhaupt die vorherr- schende Neigung das Leben zu geniessen und durch Schmuck zu verschonen, gewahrten dem geistigen Leben an diesen kleinen Furstenhofen in der Regel eine Art von Beweglichkeit und eine gefallige Aussenseite , wie sie der Entwick-
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lung ungewohnlicher kunstlerischer Gaben in der Jugend nur vortheilhaft, ja unentbehrlich 1st. Hat es doch Schiller, der grosse Mann des Idealen, der Dichter der geistigsten Vorgange im deutschen Wesen sein Lebenlang scliwer genug zu btissen gehabt, dass er dieser Vortheile in der Jagend entbehren musste ! Daher erst der ununterbrochene Verkehr, die herrliche Freundschaft mit dem Mei- ster alles Schonen auch ihm einen Anflug von jener sanften Geschmeidigkeit und anmuthigen Fltissigkeit der Form, jene reiz voile Erscbeinung gewahrte, die aucb seinen hohen Gedanken, seinen edlen Empfindungen erst den wahrhaft kiinstlerischen Werth gibt.
Von einer solcben Statte uralter Cultur und geistiger Regsamkeit stammte nun, wie wir horten, aucb Beethoven. Bereits die Rb'mer batten dort Handel undWandel gefunden und Casar baute in der Gegend der Ara Ubiorum die ersten Brucken tiber den Rhein. Seitdem blieb Bonn ein Hauptort des Rheines , und nachdem der Churfurst von Koln, um dem ewigen Ha der mit den ubermiithigen Reichsstadtern aus dem Wege zu gehen, im Jahre 1267 Bonn formlich zu seiner Residenz erwahlt hat, wurde es sogar mehr wie Koln ein Vorort der geistigen Entwicklung des Rheines. ,,In Koln", sagt Vogt in seinen rheinischen Geschichten, ?,herrschte Volks-, in Bonn Hof-Geist und Sitte, jenes hasste, dieses liebte seinen Erzbischof. In
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jenem zeigte sich eine gewisse Rohheit, in diesem eine auffallende Hoflichkeit in den Manieren. Kb'ln neigte sich zur Demokratie, Bonn blieb jederzeit in den Schranken der Monarchic. In ersterer Stadt regierte der Erzbischof durch Gewalt und Waffen- macht, in letzterer durch Liebe und Wohlthatig- keit." Die Kunst der Kb'lner war aus dem Btirger- thum hervorgegangen, und als nun diese durch die zunehmende Macht der Souveraine mehr in den Hintergrund trat; machte auch die Kunst keine wesentlichen Fortschritte mehr, ja Koln verfiel allmalig einer Uncultur und einer Unsittlichkeit, be- sonders einer wusten Pfaffenwirthschaft, von der so- wohl der reisende Franzos wie Georg Forster, der 1790 dort war, eine wahrhaft abschreckende Beschreibung machen.
Bonn dagegen war rasch zu einem Hauptsitze hofischer Sitte und Kunstiibung aufgebliiht. Die Churfursten bauten_der Reihe nach eine Menge offentlicher Gebaude, unter denen der eigene Palast, die jetzige Universitat, durch Grosse und Pracht besonders hervorragte. Von der geistigen Bewe- gung der Reformationszeit waren naturlich auch die Rheinlande ergriffen worden. Allein die Ketzerei war mit der Gewalt der Waffen bezwungen wor- den und allmalig bildete sich denn auch in Bonn, sobald sieh die geistlichen Herren wieder in be- haglicher Sicherheit ftthlten, ein Regiment aus, das wenn auch nicht an Brutalitat, so doch an
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Eaffincment das benachbarte Koln weit tibertraf und natiirlich bald auch die Sittlichkeit des Volkes untergraben niusste. Die beiden ersten Churfursten bairischen Stammes, die sich leider ganz zu Werk- zeugen des Versailler Hofes gemacht hatten, J o- seph Clemens und Clemens August rich- teten ihre Hofhaltung auch ganz auf franzdsischen Fuss ein. Ein moderner Gescbichtsschreiber * nennt ,,ihre Wirthschaft zu Bonn und namentlich auf dem sclionen Schloss BrUhl eine wiiste Satire auf das apostolische Wort: Ein Bischof soil un- straflich sein4 — Ja Joseph Clemens, heisst es weiter, erklarte ganz offentlich, er werde weder Messe lesen noch sonst eine geistliche Hand- lung vornehmen, wenn ihm sein Beiehtvater den Umgang mit seiner Buhlerin, der Frau Ruisbeck verwehren wollte. Clemens August aber tibertraf in rasender Verschwendung und schamloser Aus- schweifung den Vorganger weit. Sem Hof, auf wahrhaft sybaritisehen Sinnengenuss gestellt, war von liederlichen Damen und Dirnen jedes Grades wimmelnd so recht eine Statte, wo sich ein Genuse- kunstler und Wollustling wie Casanova, der im Jahre 1760 Bonn besuchte, behagen konnte. Die Sittenstrenge von Clemens August's Nachfolger Melt auch nicht lange vor: Max Friedrich wurde bald und vollig in das ausschweifende Leben hinein- gerissen, das sich zu Bonn einheimisch gemacht und dessen Ausgelassenheit sogar Pariser Gasten auffiel."
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Dieser Maximilian Friedrich war 1761 zur Begierung gekommen und mit unaussprechlicher Freude von den Einwohnern derResidenz begriisst word en. 2 Von seiner Regierungszeit hiess es freilich anfangs im Volke:
Bei Clemens August trug man blau und weiss,
Da lebte man im Paradeis. Bei Max Friedrich trug man sich schwarz und roth,
Da litt man Hunger wie die schwere Noth. .
Allein bald erfuhr man doch; dass dieser Herr nicht bloss sparsamer, sondern auch aufgeklarter und wohldenkender sei als seine Vorganger. Max Friedrich hatte viele Hochschulen besucht, Theo- logie bei den Jesuiten zu Allotting studirt und Philosophic bei den Jesuiten zu Strassburg und Coin; Physik aber blieb ihm zeitlebens em Lieb- lingsstudium. Er war ein gar gutmuthiger und freundlicher Herr und deshalb trotz seiner grossen Indolenz in alien offentlichen Dingen im Ganzen beim VoJke sehr beliebt. Seine Regierung war freilich Alles in Allem genommen eine thatenleere, und das Wenige was geschah, ftihrte der allmach- tige Minister Freiherr Kaspar Anton von Belder- busch aus, ;?ein Mann, von friiher Jugend her am Hofe gebildet, von grosser Gewandtheit in alien Staatsverhandlungen", der seinemHerrn auch zum Kurhut zu verhelfen gewusst hatte. Aus Dank- barkeit dafiir, wie fur die Verwaltung des ganzen Landes7 die den geistlichen Herrn gar zu miihsam
N o h 1 , Beethoven's Jugend.
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d&uchte, Hess er den Minister schalten und walten wie er mochte, und theilte sogar seine Geliebte mit ihm, die Graf in Caroline von Satzen- hofen, Aebtissin zu Vylich. Diese gemeinsame Herzensangelegenheit verband die beiden wiirdigen Manner auf das Intimste nnd Solideste mit ein- ander. Belderbusch aber wusste in dieser Le- bensstellung auf jede Weise fur sich zu sorgen. Er nahm von dem . Nachfolger seines Herrn, dem Erz- herzog Maximilian von Oestreich , dessen Wahl zum Coadjutor von Coin und Minister ebenfalls seine umsichtige Schlauheit durchzusetzen wusste, so gut Geld, wie er es von seinem Herrn und vom alten Fritz, der ebenfalls Einfluss auf diese Wahl hatte gewinnen wollen, angenommen hatte. Der 6'streichische Hof aber war in diesem Falle durch ein Geschenk von 50000 Souverains in Gold Sieger geblieben.
Im Grunde freilich hatte Belderbusch eine Vor- liebe fur Preussen und suchte denn auch das cb'l- nische Land so viel wie moglich nach altfritzischen Ideen einzurichten. Das heisst, er trieb zunachst mit der Kraft des Stockes, den ja auch seinVorbild so treftlich zu benutzen verstand, die trage Masse des Volks aus manchem mittelalterlichen Wust und Vorurtheil heraus und wirkte so allerdings zur Aufraumung des Schuttes, den die Jahrhunderte auch hier aufgehauft hatten, nutzlichst mit. "Daher es dem reisenden Franzosen, der im Jahre 1780
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an den Niederrhein kam, dort sehr wohl gefiel. 7;Die jetzige Regierung des Erzbisthums Coin", schreibt er s ,,ist ohne Vergleich die aufgeklarteste und thatigste nnter alien geistlichen Regierungen Deutschlands. Die ausgesuchtesten Manner bilden das Ministerinm des Hofes von Bonn? und nebst dem Einfluss desselben wirkt fur das Wohl des Bisthums Munster besonders noch der kluge und warme Patriotismus seiner Landstande. Die Geist- Hchkeit beider Fiirstenthiimer sticht' mit jener der Stadt Coin durch gute Sitten und Aufklarung er- staunlich ab. Vortreffliche Erziehungsanstalten, Aufmunterung des Ackerbaues und der Industrie und Vertreibung des Monchswesens sind die ein- zigen Beschaftigungen des Kabinetts von Bonn." Und doch prophezeit derselbe Berichterstatter, der ebenfalls ein gar grosser Freund des alten Fritz ist und wohl weiss, dass ein Bruder Joseph's II auch dessen Verehrung flir den aufgeklarten Despoten yon Sanssouci theilen wird, andererseits : 7?Eine grosse Revolution steht flir diese Lander zu er- warten, wenn der Erzherzog Maximilian einst die Regierung von Cb'ln und Munster wird angetreten haben. Schwerlich konnen diese Lander bei dieser Revolution, sie mag ausfallen wie sie will, etwas verlieren."
So recht am Rande herum reformirten also Max Friedrich und sein Belderbusch. Dass der Kern
faul sei, kam ihnen nicht in den Sinn. Nichts ist
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darum komischer, als die Leichenrede, in der Peter Anth, Stiftsherr zu St. Andreas in Coin, am 24. Mai 1784 auf 14 Folioseiten die Verdienste Max Fried- richs um sein Land, ja um die Welt auseinander- setzte. Da erfahren wir von dem grundlichen Kate- chismus, den er dem ganzen Erzstifte schenkte und genau nach der Vorschrift der zu Trient ver- sammelten Vater einrichtete, — von der weisen Einrichtung der Trivialschulen auf dem Lande - v,on der gehorigen Prufung der Pfarrer und der Einrichtung eines Seminariums mit Unterricht in der hebraischen,kaldaischen; syrischen, samaritanischen, griechischen und noch fremderen Sprachen, ,;mit de- nen uns unsere Gegner anfallen", — u. s. w. Dann heisst es echt Colnisch-pfaffisch welter: ,,0 batten doch die Kirchen, in welchen die verschiedenen Ketzereien entstanden und woraus hernach die un- gliickseligen Spaltungen entsprungen sind, immer Maxen von unserer Art gehabt ! Er glaubte, mit einer wohlgemeinten vaterlichen Ermahnung konne er die widerspenstigen Kb'pfe eher gewinnen, als mit einem gedonnerten Straffluche. Unterstanden auslandische Freidenker sich, ihre giftige Hefe in den seinem erzbischoflichen Hirtenstabe unter- worfenen Stadten auszustreuen oder hatte der Ei- gennutz einheimischer Buchhandler die Verwegen- heit, sich mit solchen Waaren auf Unkosten der Eeligion zu bereichern, so war Max gleich dahinter, — und so ward die Bosheit der auslandischen
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Philosopher! - - durch seine obristhirtliche Aufsicht vereitelt !u Sodann getraut sich der ;wurdige Pfarrer trotz des offenkundigen Concubinats des geistlichen Herrn mit einer Aebtissin emphatisch auszurufen : ,,Ein Bischof muss ohne Tadel sein, wie es einem Haushalter Gottes zusteht. War aber Max Fried- rich nicht ein solcher ?" — Was fur moralische Begriffe gehoren dazu; um so etwas offentlich im Dome auszusprechen ! Man war eben an ganz andere Dinge gewohnt, als dieser in alien Din- gen moderate Herr sich erlaubte. Ferner ruhmt unser Enkomiast des Churflirsten Demuth , Men- schenliebe, Anmuth, Leutseligkeit mit Anstand, Herablassung ohne Niedertrachtigkeit , warme Va- terlandsliebe, seine Massigkeit an offentlichen Ta- feln, seine strengste Niichternheit in jeder Stunde des Tages, seine UneigenniitzigkeitundFreigebigkeit, und schliesst seinen Passus: ,,Heilig also und ent- haltsam war er wie Paulus den wahren Bischof haben wollte." Vor allem aber seine Frommigkeit ! ,,Gott durfte das entfernte Calabrien nur strafen, so verbethete Max sich diese Ruthe schon hier mit seinen Unterthanen. Er war nicht soviel der Regent seiner Unterthanen als der Vater derselben. Hier begeistere dich, bonnisches Armenhaus! Nie waren die Abgaben geringer!" - - Von seinen Ver- diensten um verbesserte Justizpflege, um die Hand- habung der offentlichen Sicherheit , um die Her- stellung von Landstrassen7 um die Regulirung von
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Jagd- und Forstwesen gekt es zu den Gesetzen fur die ,,zum Wucher und andern Schleichhandeln aufgelegte Judenschaft" und den Bergwerken iiber. ,,Kurz, Max Friedrich war derFurst, der nichts in seiner Unordnung liess. 0 gluckseliges Land, dem ein so sorgenderVater vorstand! Was fur geschmack- volle Gebaude, was fur herrliche Palaste und Schldsser kannst du nicht aufweisen u. s. w."
Doch lass en wir den Herrn Leichenredner, dem seine Pflicht eine Uebertreibung der Tugen- den seines Herrn auferlegen mochte, Max Friedrich hatte deren ja wirklich, wenn sie auch blosse Privat- tugenden war en und nicht solche, die den Fursten zieren und das Volk begliicken. Manche Verordnun- gen zeugen allerdings von Aufklarung des Geistes, wenn nicht etwa Dinge wie Verminderung der Festtage und Aufhebung von Wallfahrten uber Nacht, Einziehung derKloster, besonders von Bettel- orden etc., deren Hochwurden Herr Pfarrer Leichen- redner • mit gutem Bedachte nicht erwahnt, auf Kechnung des von Belderbusch zu setzen sind, ,,der mit starker und kundiger Hand die Angelegenheiten des Churfurstenthums leitete", d. h. den colnischen Churstaat nach Leibeskraften ,,adniinistrirte, regu- lirte, inspizirte, regierte." Max Friedrich's eigenem Kopfe aber war die Idee entsprungen, in Bonn mit den Giitern des 1773 aufgehobenen Jesuiten- collegiums eine Universitat zu errichteu, und das war offenbar eine seiner besten Thaten. Schade,
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(lass er tiber ihrer ganzlichen Durckfiihrung starb und den Dank dafur sein Nachfolger arndtete.
Wie es in Wirklichkeit um das Land damals stand, erfahren wir von einem andern Augenzeugen. Da heisst es; die Lander seien unter der Willkiir des Ministers von Belderbusch verblutet. ,;Dieser vereinigte in seinem Charakter alle Dreistigkeit eines Richelieus, alle despotische Gewaltthatigkeit Mazarins und den Geldgeiz und die Harte eines Porto-Carrero's." * Das Justizwesen 7?beurtheilte nicht selten die Unschuld nach der Summe und dem Werthe der gespendeten Geschenke" und war durch andere grauliche Missbrauche verunstaltet, so dass Plackereien und Chikanen aller Art von Seiten der Beamten formlich an der Tagesordnung waren. Und da nun der gute Herr immer alter und schwa- cher wurde, so erlaubten sich die Beamten, ein Belderbusch stets an der Spitze, bald jede Art von Willkur und Erpressung, und das Land ge- rieth in einen entsetzlich verwilderten und aus- gesogenen Zustand. Dazu kam die Hofhaltung, die mit jedem Jahre kostbarer wurde. Denn ausser einer Wolke von mehr als hundert Kammerherren und , jeneni elenden Schwarra junger miissiger Edel- leute, die hier zu schvvelgen gewohnt sind", um- flatterten den alten Herrn mehr als zweihundert jener leichtgeflugelten Abbes 5, die am meisten /ur Entsittlichung aller Classen und Stande bei- irugen, und der Fremdenbesuch ward unter diesem
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gutmlithigen gesellschaftliebenden Fiirsten nachge- rade so stark, dass derHof ,,eineni wahren Gasthause ahnlich sah, indemdort tagtaglich eine kostbare Tafel von 30 und mehreren Gedecken gehalten ward." Einer dieser Gaste nun, der bekannte engli- sche Keisende Heinrich Swinburne, der im November 1780, also in den letzten Regierungs- jahren Max Friedrichs Bonn besuchte, berichtet uns das Nahere ilber seine Art und Weise, besonders seine personlichen Neigungen, und aus diesen letz- tern allein ging auch das wenige Gute hervor, das Max Fnedrich hinterliess. Dieser authentische Zeuge erzahlt : ,,Wir gingen an Hof und.wurden zur Tafel geladen. Der Churfurst ist 73 Jahre alt, ein kleiner, gesunder, schwarzer Mann, sehr lustig und freund- lich. Seine Tafel ist nicht die beste, es kamen weder Dessertweine, noch sonstige fremde Weine. Er ist umganglich und angenehm, da er seine ganze Lebenszeit in Gesellschaft von Frauen zugebracht hat, welche, wie es heisst, ilim jederzeit besser gefielen als das Brevier. Die Capitains von der Leibgarde (deren doch nur einer) und einige an- dere Herren vom Hof bildeten die Tischgesellschafl. in der sich auch seine beiden Grossnichten befan- den, die Hat zf eld und die Taxis. Das Schloss ist gross genug, der Ballsaal geraumig, aber nie- drig. Der Churfurst besucht alle Assembleen, wo er Toccategli spielt. Mir bot er eine Partie an, aber besagtes Spiel ist mir fremd. Jeden Abend ist
Assemblee bei Hof oder Theater." Em anderer Bericht 6 aber erganzt : ;,Maximilian Friedrich liebt Pracht und Lustbarkeiten, daher sein Hof ein glan- zendes Ansehen hat und von hohen Herrschaften selten leer ist. Man spielt an solchem Opern und Comb'dien und halt Balle und Redouten, besonders zur Carnevalszeit. Bei alledem geht es an seinem Hofe sehr accurat und ordentlich zu." Und ferner heisst es : ,,Max Friedrich war ein Enthusiast fiir Musik ; das keimende Talent Beethoven's ent- ging seiner Aufmerksamkeit nicht und liess er den Knaben durch den Hoforganisten Egidius van den Eeden unterrichten."
Diese Handlung mag denn wohl seine beste gewesen sein und ist schon allein im Stande, ihm einigen Nachruhm zu sichern und uns mit seiner sonstigen Miss- oder vielmehr Unregierung einiger- massen zu verso'hnen.
Max Friedrich hatte nach Risbeck vom Chur- ftirstenthum Coin eine Million und vom Bisthum Minister gar 1,200,000 rheinische Gulden Emnahme- So sehr also auch seine Nepotinnen und Ne- poten, deren freilich nicht wenige waren, und sein ausserordentlich zahlreicher Hofstaat, der ganz wie der kaiserliche sieben Erbamter mit 100 Kammer- herren hatte, und das von Belderbusch auf preussi- schen Fuss eingerichtete ebenfalls ziemlich zahl- reiche Militar an seinem Beutel saugen mochten, immer blieben dem alten Herrn, dessen materielle
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Bedurfriisse ja nicht sehr gross waren, Mittel genug zur Befriedigung seiner personlichen Nei- gungen. Diese nun gingen, wie damals allgemein unter den hohen Herren, auf nichts so sehr wie auf Musik und Theater. Es war dies uberhaupt die eigentliche noble Passion der Zeit, und daraus erklart sich auch die Bltithe dieser Kunste im vorigen Jahrhundert. Nicht geuug, dass bereits seit langer Zeit jeder irgendwie vennogliche Dynast eine eigene Capelle hielt, selbst wenn sie wie nament- lich in Bohmen zunieist aus den Bedienten bestand, eine anziehende Beschreibung soldier Haus- capellen gibt Dittersdorf von der des Fiirsten von Hildburghausen und von der des Bischofs von Grosswardein % — auch em eigenes Theater mussten sie besitzen. Denn namentlich die Oper war ja das eigentliche Festspiel der Grossen und erst seit kurzer Zeit auch zum Volksspiel geworden, Und da sich nun im Bunde mit dem literarischen Leben der Zeit, das eben vorzugsweise national sein wollte; die Neigung des Volkes auch auf ein na- iionales Theater richtete, so beeilten sich diejenigen Fursten , die volksthiiinlich zu sein strebten und nebenbei an wirkliche Autklarung ihrer Untertha- nen dachten, vor Allem auch dieser Neigung des Volks nach einer schonen Unterhaltung und der daraus hervorgehenden Yeredlung der Sitten und Ausbildung des Geistes entgegen zu konimen. Italienische Oper hatten die reicheren Fursten schon
langst besessen. Jetzt wurden auch die wandernden Truppen, die unter der Principalschaft bedeuten- der Kiinstler — eines Ackermaim, Schroder, Eck- hof, Koch — in Norddeutschland, besonders in Berlin , Hamburg und Leipzig zu einer gewissen kiinstlerischen Bedeutung gediehen waren, unter dem Namen einer Nationalbuhne vielfach an die Hofe gezogen. So machte es Carl Theodor in Mannheim und Miinchen, so machte es Joseph II in Wien. Und zu welchen herrlichen Schopfungen in Musik und Poesie veranlasste diese Einrichtung die hervorragendsten Geister der Zeit, einen Les- sing, Wieland, Gluck, Gothe, Mozart, Schiller!
Ein ahnliches Nationaltheater war nun auch von Max Friedrich, der sich bisher mit seiner ?7Hof- schauspielergesellschaft" inMiinster beholfen hatte, aber jetzt wahrscheinlich des vorgeruckten Alters wegen das Reisen nicht mehr bequem fand, in sei- ner Residenzstadt Bonn errichtet worden. In der letzten Zeit namlich war die Grossmann'sche Ge- sellschaft, eine der bessern von Norddeutschland, in Bonn und Coin thatig gewesen und hatte viel Bei- fall gefunden. Denn Grossmann 8 zeichnete sich unter alien Principalen und Theaterunternehmern der Zeit durch Talent, literarische Bildung, Weltmanier und unruhige Beweglichkeit aus. Er war selbst Schau- spieldichter und gab, ebenfalls nach seiner Bearbei- tung, franzosische Operetten, wie sie durch Philidor, Monsigny und namentlich Gretrj zu einer ktinst-
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lerischen Bedeutung erhoben waren, und deutsche Singspiele wie sie Adam Hiller, Benda, Schweitzer neuerdings in SchwuDg gebracht batten, sowie auch die kleineren Opere buffe, die seit Pergolesi's Serva padrona reichlich aufbluhten. In Bonn na- mentlich wurden seine Bemuhungen vom Hofe einigermassen untersttitzt. Ja der Churfurst, der stets eine Subvention zu dieser seiner Haupter- gotzung zahlte, gestattete sogar, dass von der hochsteigenen Cabinets -Capellen- und • Hofnmsik tiichtige Sanger auf der Btthne zeitweise mitwirk- ten. Unter diesen war friiher vor Allem der chur- furstlicbe Capellenmeister und Basssanger Ludwig van Beethoven, der Grossvater unseres Helden gewesen, ein kleiner kraftiger Mann mit ausserst lebhaften Augen, der als Kiinstler vorziiglich geach- tet war und besonders in dem Singspiel L'amore artigiano, ,,Die Liebe unter den Handwerkern," tibersetzt von Grossmann, und im Deserteur von Monsigny den grossten Beifall erhalten haben soil. 9 Ferner wirkten dort als Tenoristen mit des Capel- lennieisters Sohn Johann van Beethoven und Madame Drewer, Hofsangerin. Ausser dieser Grossmannschen Gesellschaft aber war 1771 auch eirie italienische Truppe nach Bonn gekommen und ftihrte ihre Opern auf. Im Jahre 1779 nun wusste Max Friedrich jenen beweglichen Impresario des deutschen Theaters ganz an seinen Hofhalt zu fesseln, und zwar mit der ausgesprochenen Ab-
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sicht , »die Schauspielkunst in seinem Lande zu einer Sittenschule fur sein Volk zu erheben." Diese ,7Churfurstliche Hofschaubuhne" stand unter der hochsten Direktion Sr. Hochwtirdigen Excellenz des Herrn Staatsrninisters, Freyherrn von Belder- busch. S. Churfurstl. Gnaden zahlten fur Dero hochste Person und Dero Suite wb'chentlich cine gewisse Summe. Spater aber unterhielt der Chur- flirst das Theater ganz auf eigene Kosten. Das churfiirstliehe Orchester besorgte die Musik und die Hofhandwerker alle nothwendigen Vorrichtun- gen, Verwandlungen u. s. w. Es ging eben da- mals den Fursten wie der Zeit Uberhaupt eine Ahnung davon auf, dass nur die allseitige Ent- wicklung der geistigen Krafte den Menschen frei und glucklich mache, und wie der ChurfUrst ver- mittelst seines Belderbusch die Kloster gezwungen hatte7 Abgaben fur Verbesserung des Schulunter- richtes zu zahlen, so sehonte er auch jetzt der Staatseinnabmen nicbt; um seine Bubne zu einer wirklichen Kunstanstalt zu erheben. 10
In dem Personal dieses Theaters waren im Schauspielfache neben Frau Fiala als erster Schau- spielerin, Frau Helmuth U7 Steiger und der Komiker Bosenberg nebst Frau, die bereits in Minister mitgespielt hatten , die hervorragendsten. Grossmann, den wir uns als einen sehr kleinen Mann mit einem geistvollen Kopfe zu denken ha- ben7 spielte Escrocs, Juden, Chevaliers und beson-
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ders Deutsch-Franzosen , wie Lessing's Riccaut, mit aller erforderlichen Etourderie und Impertinence, den Marinelli sogar meisterhaft. Als Sangerinnen fungirten ausser der auch hier vortrefflichen Frau Helmuth ,;mit der Nachtigallenkehle" namentlich zwei Schwestern des nachmals so beruhmten Gei- gers Salomon 12; der 1745 in Bonn geboren, bald Concertmeister des Prinzen Heinrich von Preussen wurde und spater in Paris und London lebte; ferner eine Tochter des ersten Violimsten der churfurst- lichen Kapelle, Ries, eben jene Madame Brewer, eine ,,brave, angenehme Sangerin". Musikdirektor dieser Gesellschaft aber wurde bei der neuen Einrichtung im October 1779 Christian G o 1 1- lob Neefe. Das war ein tuchtig durchgebildeter Musiker, der mit seinem wahrhaften Kunstsinne wohl der Mann dazu sein mochte, die musikalischen Leistungen dieser Buhne auf eine nennenswerthe Stufe zu bringen. Er hatte sich, wie wir aus sei- ner Selbstbiographie 13 erfahren, in der Leipziger Schule gebildet und war vor Allem ein Freund und eifriger Verehrer Adam Killers, dieses ,,einsichts-; geschmack-, und empfindungsvollen Componisten, des musikalischen Gellert." Der Umgang mit den hervorragendsten Kunstlern, Dichtern, Aesthetikern seiner Zeit, einem Weisse, Garve, Engel, Oeser, Bause u. s. w. hatten ??seinen Verstand immer mehr und mehr aufgeklart und seinen Geschmack und seine Empfindung gebildet:<. So war er aus
einem .;fiihlbaren Freund der Musik", wie es da- mals hiess, allgemach ein ?Jgeschmackvoller Ken- ner" und spater ein tiichtiger Musiker geworden, von dem wir noch manches horen werden.
Diesem Manne nun verdanken wir einen ein- gehenden Bericht iiber die churcolnische Hofca- pelle jener Zeit 14? der uns am sichersten davon iiberzeugt, wie sehr die Musik beliebt war , was man fur diese hauptsachlichste Unterhaltung auf- wandte und wie sehr man auch bereits zu einer hohen Stufe der kunstlerischen Entwicklung ge- kommen war. Geigen waren mit den Accessisten und den mitspielenden Dirigenten 12 bis 13, Flb'ten
2, Oboe 1, Clarinette 1, Wardliorn 4, Fagott 3, Bratsche 2, Violoncell 2, Contrabass 2, Trompete
3, Pauke 1, — ein Orchester, das alle Instrumen- talwerke der Zeit wohl zu besetzen vermochte. Dazu kamen manche Dilettanten , da besonders das Geigenspiel damals noch sehr beliebt war. Die Hofmusikanten waren meist hervorragende Solo- spieler, wie die beiden Ries, Vater und Sohn, Drewer, Paraquin, Baum? Nicolaus Simro ck, und die tibrigen wenigstens gute Ripienisten , so dass ein wirklich tiichtiger Dirigent hier etwas zu leisten vermochte. Dies gelang denn auch dem damaligen churfiirstlichen Capelldirector Mattioli auf das Beste. Er war :,ein Mann voll Feuer und geschwinden, lebhaften urid feinen Geftthls", hatte in Parma bei dem ersten Geiger Angelo Moriggi,
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einem Schiller Tartinis, studirt und dort wie in Mantua und Bologna grosse Opera, z. B. Gluck's Alceste, Orpheus u. s. w., mit Beifall dirigirt. Dem Beispiele des als Dirigenten ausserst lebhaften und energischen Gluck hatte Mattioli viel zu danken. Er fuhrte namentlich ,,die Accentuation und De- clamation auf Instrumenten", die ja vor Allem durch Gluck's dramatis che Bestrebungen auch in das Orchester gekommen war und ,jene genaueste Beobachtung des Forte und Piano oder des musi- kalischen Lichts und Schattens in alien Ab- und Aufstufungen" in die Bonner Capelle ein. Sein eigenes Geigenspiel — denn damals pflegte der Dirigent entweder an der Violine oder am Clavi- cembel mitzuspielen — , war sehr belebt und mannigfaltig und er wusste seine Leute wahrhaft zu entflaminen, so dass der Berichterstatter meint, im musikalischen Enthusiasmus ubertreffe er sogar den C a n n a b i c h, das Ideal eines Capellmeisters jener Zeit 157 und halte wie jener auf rnusikalische Zucht und Ordnung. Und da er obendrein sich bemuhte, das Musikrepertorium des Hofes durch gute Compositionen jeder Art, Symphonien, Messen u. dgl. zu bereichern, auch der Mann war, schnell in die Gedanken und Empfindungen eines Tonse- tzers einzudringen u'ud dieselben dem ganzen Or- chester, das ihm um so williger folgte, als er in jeder Weise auf die Verbesserung der Capelle be- dacht war , bald und bestimmt mitzutheilen, so
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kann man sich wohl vorstellen, dass die Leistun- gen dieser Kapelle das Niveau des Gewohnlichen weit tiberschritten und dass es Wahrheit 1st, wenn Neefe sagt, ,,ein Fremder, der die Musik liebt, reise nie ohne musikalische Nahrung von Bonn wieder ab." Doch bestanden damals noch keine offentlichen Concerte ; vielmehr besehrankte sich aller Musikbetrieb auf den Hof, das Theater und die Privatgesellschaften. Diese letzteren waren aber sehr zahlreich. Auch gab es allerhand festliche Gelegenheiten und Liebhaberconcerte, wozu Inter- mezzi, Cantaten, Oden etc componirt und ausge- fuhrt wurden.
Der Kapellmeister dieser churfurstlichenHofmu- sik war ebenfalls ein Italiener, Andrea Lucchesi aus Motta im Venetianischen. Er hatte den Thea- terstyl bei Cochi in Neapel gelernt und war schon 1771, wie Mattioli, mit jener italienischen Truppe als Kapellmeister nach Bonn gekommen. Lucchesi componirte Opere serie ; aber das Verzeichniss der neueinstudirten Stucke im Reichard'schen Theater- kalender von 1783 nennt keine derselben. Auch findet sich zunachst noch keines der Grluck'schen Werke auf dem Repertoir der Jahre 1781 und 1782, obgleich die Nahe von Paris, mit dem Bonn stets in naher Beruhrung stand, vermuthen lasst, dass der Sieg, den der grosse Deutsche tiber die Ita- liener dort so eben gefeiert hatte, auch seinem Verehrer Mattioli nicht unbekannt geblieben war.
No hi, Beethoven's Jugend. £)
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Nun aber bestand in Bonn auch noch ein churfiirstliches Sangercorps fur den Gottesdienst, und auch hier wurden die neuesten uud besten Compositionen der Zeit aufgefiihrt. Doch sorgte vor Allem der Kapellmeister Lucchesi , der aus zweiter Hand ein Schiller des Padre Martini in Bologna und ,,tiberhaupt genommen ein leichter, gefalliger und munterer Componist und reiner im Satz war, als viele seiner Landsleute", auch hier fttr Befriedigung des nachsten Bedarfs an Messen, Antiphonen, Assertorien und Motetten, in denen er sich allerdings ,,nicht immer an die strenge gebun- dene Schreibart hielt, wozu mehrere Componisten zuweilen durch Gefalligkeit fiir Liebhaber deter- minirt werden". Obendrein war er ein guter Or gel- spieler. Den regelmassigen Dienst in der Hofca- pelle aber versah der bereits oben erwahnte Hof- organist Egidius van denEeden, und der Kap ell- director Mattioli war damit beschaftigt, die chur- furstliche Orgel, die bei dem grossen Schloss- brande im Jahre 1777 ebenfalls zu Grunde gegan- gen war, moglichst gut wiederherzustellen, Sodann hatte auch das Militar, das in Bonn 900 Mann stark lag, wie uberall seine eigene Harmoniemusik, deren Director oder Hoboist, wie man noch heute zu sagen pflegt, ein gewisser Pfeiffer war, ,,ein treftlicher Ktmstler und hochst genialer Mann." l6
Eine sehr gute Hauskapelle von Blasern be- sass ferner auch der allmachtige Staatsminister
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und Theaterdirector von Belderbusch, und zu- dem war eine ganze Reihe von ,,Liebhabern" und ,,gefuhlvollen Kennern der Musik" theils als Com- ponisten theils als Spieler thatig. So die Schwie- gerto enter des Staatsministers , die schone Grafin "Walpurgis von Belderbusch, eine sehr fertige Clavierspielerin , die Grafin von Hatzfeld, des Churfursten Grossnichte, die von den besten Meistern im Singen und Clavierspiel in Wien unterrichtet worden und ftir Tonkunst und Tonkimstler enthu- siastisch eingenommen war, — wir werden auch die- sen beiden Damen noch oft begegnen. So der junge Graf Hatzfeld, ,,der in Wien Bekanntschaft und Freundschaft niit Mozart gemacht und unter der Anleitung des Autors dessen bertthmte Quadros studirt und gespielt, ja sich so mit dem Geiste ihres Componisten verschwistert hatte, dass der- selbe sein Meisterstttck fast von keinem andern mehr horen wollte." 17 So endlich der Hofkammer- rath von Mastiaux, ,,ein Mann, der kein Vergntt- gen kennt und wunscht, als das Vergntigen der Musik," er besass zahlreiche Instrumente , die er meist selbst zu spiel en verstand, sowie bereits 1783 viele Compositionen von Joseph Haydn, 80 Sinfo- nien, 30 Quatuors und 40 Trios. 18 So endlich eine Menge namenloser jttngerer Leute aus den ersten Famllien, die baldGeige oderVioloncell spielten, bald Horn bliesen oder auch jenes Lieblingsinstrument der Zeit, die holde Flotc, das Schosskind der Senti-
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mentalitat, welches echte Schwarmer mit sich im Stock zu ftihren liebten, um auf sehonen Punkten oder hohen Bergen stehend, dem volleren Geflihls- andrange Luft zu machen.
Auch diese Dilettanten wurden haufig sogar in das churfiirstliche Orchester gezogen, und wer nur irgend Kenntniss von dem Treiben jener Zeit hat, muss sich erinnern, wie sehr dieselbe, die uberhaupt aus der Unterhaltung ein Geschaft zu machen liebte, diese Hauptunterhaltung betrieb, theils sinnekitzelnden Reiz, theils aber auch die herrlichste Sprache des Herzens darin fand, und wie den Bessern die Musik bereits als ein Bildungs- mittel des Geistes gait. Wo aber eine Kunst so sehr zur Beschaftigung von Jedermann wird, da muss ein Genius dieser Kunst bald auch zum vollen Be- wusstsein ihrer Bedeutung gelangen und seine frtih gelernte Gewandtheit in ihrer Ausiibung dazu ver- wenden , nun auch die tieferen Bedurfnisse des Herzens zu befriedigen und momentweise vielleicht auch die hoheren geistigenFragen in ihr zu beriihren. Eben dazu gab das Regiment, das mit so freund- licher Milde jedwede Bildung und mehr noch jedwede Kunstiibung unterstUtzte, auf der andern Seite wieder den allerbereitesten Anlass. Denn dasselbe Regiment trat ja hundertmal das edelste Recht des Menschen, Freiheit und Selbstbestimmung, in schnoder Willkur mit Fussen oder war doch weit davon entfernt, dieses Element, das allerdings
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soeben erst in dem Bewusstsein der Vo'lker zu erwachen begann, irgendwie zu untersttitzen oder auch nur zu schonen. So sog derselbe Jtingling, den der allseitige Kunstbetrieb seiner Vaterstadt friihe zu einem fertigen Virtuosen erzog, gerade aus den sozialen Zustanden seines Landes jeneii heili- gen Zorn tiber den Missbrauch der edelsten Men- schenrechte, jene heilige Begeisterung fiir wahres Menschenthum , die den schonsten Theil seines Schaifens ausmachen.
Sehen wir also jetzt, naeb langer und um- standlicher Einleitang, die mehr einer Postwagen- fahrt des vorigen Jahrhunderts gleicht, als einer modernen Eisenbahntour, naher zu, wie sich diese allgemeinen Dinge, Zeit und Landesverhaltnisse und besondere Zustande der Vaterstadt als von Ein- fluss auf unsern Helden darstellen, wie ihm die- selben im Einzelnen nahe traten und fiir seine Ent- wicklung gttnstig oder unglinstig, wie sie ihm behilflich waren? sich eine eigenthiimliche Welt- und Menschenansicht zu bilden und vor Allem zu dem grossen Kunstler und edlen Menschen zu wer- den; als welchen ihn heute die ganze Welt verehrt.
Viertes Kapitel.
Familie und Lehrer.
Von dem schb'nen Marktplatze in Bonn, den das von Max Friedrich vollendete stattliche Ratbhaus und eine ihm zum Dank daftir tiber dem Brunnen errichtete Ehrensaule besonders zieren, lauft an dem westlichen Ende parallel dem Eheine die Bonngasse. Dort batten sich unter dem genann- ten geistlicben Herrn, ?,dem besten Fiirsten, dem Vater des Vaterlandes, dessen Regierung ist Sanft- mutb, Gerechtigkeit und Vorsorge" L und der; was uns zunachst interessirt, vor Allem die Kunst der Tone begttnstigte, eine wahre Colonie von Hofmusi- kern angesiedelt und diese Gegend zum quartier musical der Residenz gemacht. Es wohnte dort zu- nachst unter Nr. 382 der alteKapellenmeisterLudwig
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van Beethoven mit seinem Sohne dem Hofteno- risten Johann, sodann im nachsten Nachbarhause derKammermusikus JohannRies, dessen Tochter Frau Drawer als Sopranistin und dessen Sohn Franz, der 1755 geboren und vom Vater unter- richtet war, als erster Geiger in der churfurstlichen Kapelle standen. Diesem Hause fast gegenttber lag unter Nr. 515 die Wohnung des alten Herrn Salomon, dessen nachmals so bertthmter Sohn Johann Peter schon vor 1780 von Bonn fortging, mit seinen beiden Tochtern, die ebenfalls Sangerin- nen waren. Auch der Waldhornist Sim rock, der Vater der noch jetzt in Bonn lebenden beiden Brtider Simrock, mag bereits damals in dieser Strasse gewohnt haben; wenigstens befindet sich noch heute dort das Musikaliengeschaft, das schon jener treftliche Waldhornist als Commissionar der Verleger Gotz in Mannheim, Artaria in Wien, Kel- ler in Kassel u. s. w. begrtindete. Dann hatten also die Herren Musici auch die nothigen Musika- lien sogleich zurHand, und besonders die Familie Beethoven machte von dieser guten Gelegenheit reichlichen Gebrauch. 3
In dem Hause, wo die Familie Salomon wohnte, bezog nun am 12. November 1767 auch des Kapellenmeisters genannter Sohn Johann van Beethoven eine eigene Wohnung. Er hatte sich namlich an diesem Tage mit einer jungen Wittwe, Maria Magdalena Laym gebornen Kewerich
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von Ehrenbreitstein , trauen lassen und war wohl um dem vaterlichen Hause nahe zu sein und tiber- haupt unter seinen Freunden und Berufsgenossen zu bleiben, in das Hinterhaus von Nr. 515 gezo- gen. In das Hinterhaus ! — Er war churfurstlicher Hoftenorist und hat als solcher selbst in der aller- besten Zeit menials mehr als 200 Reichsthaler, macht 350 rheinische Gulden, zu beziehen gehabt, sicher aber zur Zeit seiner Verheiratung nicht so viel. Da er nun nicht wie die meisten Ubrigen Hofmusiker, z. B. der Bassist Paraquin, der zu- gleich Contrabass und Cello spielte und sehr ge- schickt Noten abschrieb, sich an irgend einem Instrumente des Orchesters niitzlich machen konnte, noch auch irgend welchen Unterricht oder sonst dergleichen Musikantenbeschaftigung trieb , so musste er sich von vornherein einrichten, um mit dem massigen Einkommen haushalten zu konnen. Spater freilich, als die churfiirstliche ,,Hofschau- spielergesellschaft" eingerichtet war, erhielt er fiir seine Mitwirkung dort noch eine besondere Ver- gtttung, allein das war wenig und wahrte auch nicht lange.
So war es gut, dass auch seine junge Frau aus bescheidenen Dienstverhaltnissen stammte. Ihr Vater war churtrierscher Leibkoch und ihr verstor- bener Mann Leibkammerdiener in Coblenz gewesen. Dieser war im Jahre 1765 nach kaum zweijahriger Ehe im Alter von dreissig Jahren gestorben und
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hatte kerne Kinder und wie es scheint auch kein Vermogen hinterlassen. ,,Lenchen" war bereits als sechzehnjahriges Madchen in die Ehe getreten und jetzt dreiundzwanzig Jahre alt. Ihr Sinn war von Natur anspruchslos, und so hatte sie sich auch ohne Mtihe in die bescheidenen Verhaltnisse ihres neuen Hausstandes gefiigt, wenn nicht ein besonderer TJmstand dieselben zu der Beschranktheit noch obendrein druckend gemacht hatte. Denn ihr Herr Gemal, der zwar ein guter Musiker $, aber ,,gei- stig und sittlich wenig ausgezeichnet" war, litt an einem Fehler, der die Ordnung des Hauses schon friihe haufig stb'rte und seinen Wohlstand spater ganz und gar zerrUtten sollte. Das Laster, welches er von seiner Frau Mutter geerbt hatte und welches dauerndes Ungltick ttber die gesammte Familie brachte und den Namen Beethoven, dem der alte Kapellenmeister bereits einen guten Klang in Bonn verschafft hatte, fur einige Zeit dort nicht wenig verunglimpfte, war der Trunk.
Schwere Sorge hatte diese unglUckselige Lei- denschaft seiner Frau Josepha, einer gebornen Poll, schon dem alten Kapellenmeister bereitet, und er musste zusehen, wie die Arme trotz mehrerer Kinder, die sie ihm gebar, allmalig ganz und gar dem bosen Damon verfiel, und die letzte Zeit ihres Lebens sogar in ein Kloster gesperrt wurde. * Nattirlich dass dadurch sein eigenes Haus keine Statte des Segens werden konnte und dass die Verwahr-
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losung der Kinder ihm manchen Kummer und diesen selbst dauerndes Unheil bereiten musste. Allein er, der sich mit eigener Kraft durchs Leben geschlagen und eine sichere Stellung bereitet hatte, wusste sich auch in diesen Wirren oben zu erhalten. Er hatte schon als Knabe bewiesen, dass nur selbststandiges Han- deln das Glttck des Lebens begriindet. Noch sehr jung, als kaum vierzehnjahriger Junge war er seiner Familie in Antwerpen, wie es heisst wegen Strei- tigkeiten mit den Seinen , davongelaufen und nie wieder in seine Vaterstadt zuriickgekehrt. Doch war er bereits vor 1730 nach Bonn gekommen und auch sogleich in churfurstliche Dienste getreten. Eine amtliche Angabe vom Jahre 1784, der wir spater noch begegnen werden, lasst ihn, obgleich er bereits 1774 starb, doch ,,in die 46 Jahre Sr. churfiirstlichen Gnaden und Hochstdero Vorfahren gedienet" ha- ben. Im ,,churkolnischen Hofkalender auf das Jahr 1760" aber erscheint er als ,,Vocalist" und 1763 sogar als Kapellenmeister der „ churfiirstlichen Kabinetts-Kapellen- und Hofmusik^. Er war am 23. December 1712 geboren, also bereits ein Yier- undfunfziger, als sein Sohn Johann einen eigenen? Hausstand griindete. Auch dieser stand iibrigens bereits seit 1755 als Kapellknabe bei der Hof^ musik; im Jahre 1760 aber verzeichnet ihn der Hofkalender als ?;Accessisten" und 1763 als wirk- lichen ;,Vocalisten"7 so dass er bereits friih daseigene Brod hatte. 5 Daher konnte es dem alten Kapellen-
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meister trotz des Hauskreuzes mit seiner Frau wohl gelingen , seine Verhaltnisse recht gut zu ordnen, und er erfreute sich, wie wir vernahmen, so wohl als Mensch wie als Ktinstler in seiner neuen Heimat einer vorziiglichen Achtung. Ja wenn er im Costiim der churfUrstlichen Hofmusikanten, im rothen Rock mit goldner Bordiire, in Jabot und Perriicke, den Hut unterm Arm, mit einem hohen Stocke kraftigen Ganges einherschritt, so verrieth der gedrungene Korperbau voll Rtistigkeit und Kraft ein gewisses Selbstbewusstsein, das den Leu- ten imponirte, weil sie sahen, dass er selbst etwas auf sich hielt. Von dieser wohlbegriindeten Digni- tat seiner Erscheinung fertigte sogar der churfiirst- liche Hofmaler Radoux bereits im Jahre 1739 ein Portrat, und das war das Einzige, was sich der grosse Enkel spater nach Wien kommen liess, ja es blieb ihm bis zu seinem Tode werth.
Solange nun dieser wlirdige Herr am Leben war, mochte es auch dem nahe wohnenden Sohne, der mit seinem magern Gehalte keinesfalls aus- kam, nicht ganz schlecht gehen, und bald sah der Grossvater auch Enkel entstehen. Der erste war ein Bube, der am 2. April 1769 geboren wurde und da der alte Kapellenmeister und die Nach- barin Anna Maria Lohe, genannt Courtin, — die nachsten Freunde der Familie Salomon und Ries waren israelitischer Religion — Pathenstellen ver- traten, den Namen Ludwig Maria erhielt, aber
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bereits sechs Tage nachber starb. Darauf und zwar mebr als anderthalb Jahre spater, am 17. De- cember 1770, ward wieder ein Bube geboren, und wieder war der Grossvater Pathe und mit ihm Taufzeugin die nachste Nachbarin links, die Frau Gertrude Mtiller, geb. Baum. Dieser Knabe ward L u d w i g genannt , und er ist unser grosser Meister. 6
Jetzt war der alte Kapellenmeister haufig genug bei seiner Schwiegertochter. Und er muss mit dem kraftigen aufgeweckten Knaben oft ge- spielt, sich tiberbaupt viel mit ihm abgegeben haben, muss mit seinen blitzenden Augen und sei- nem lebhaften Wesen einen bedeutenden Eindruck auf das Kind gemacht baben. Denn obgleich der alte Herr bereits am 24. December 1774 7, also da der Enkel 4 Jahre alt war, mit Tode abging, so wird doch von Wegeler ausdriicklich berichtet, dass er mit der grossten Innigkeit an seinem Grossvater gehangen und dass der friihe Eindruck bei ihm sehr lebendig geblieben sei. Auch init seinen Jugendfreunden spracb er gern vom Grossvater und seine Mutter musste ihm ebenfalls stets viel vom alten Herrn erzahlen.
Wie konnte das aber auch anders sein ? Im eigenen Hause fand der Knabe nichts , was sich mit der Erscheinung seines Ahnherrn vergleichen liess. Der Vater war ein dunkler Ehremnann mit einer ,,rauhen Stimme", der iiber die Musik und ihre
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heiligen Kreise — durchaus nicht sann , sondern im Gegentheil nach einer andern Seite bin ,,sich selbst nur zu Vieles erlaubte", das heisst wohl, sobald der Dienst ihn frei Hess , ins Wirtbshaus ging und dann , wenn er in etwas betrunkenem Zustande heimkehrte , sehr heftig sein konnte. Darunter litt vor Allem die fromme, herzensgute Mutter, die oifenbar keine Gewalt iiber einen Mann besass, der von seinen Eltern nur die iiblen Eigen- schaften des Trunkes und Jahzorns geerbt hatte, und der stete Gram, die haufige Noth sollten bald ihre Gesundheit untergraben. Dazu fand, zumal nach- dem der Grossvater todt und seine kleineHinterlassen- scbaft verzebrt war, bald uberall Beschrankung statt. Ja man hatte, obne Zweifel aucb aus oco- nomiscben Rticksichten, bereits bald das Quartier in der Bonngasse aufgeben und eines in einem schlechteren Stadttheil beziehen mtissen, namlich das Haus des Backers Fiscber Nr. 934 in der Rheingasse, an dem also heute sehr mit Unrecht eine Tafel prangt mit den Worten: Ludwig van Beethoven's Geburtsbaus. So musste wohl die Gestalt des alten Kapellenmeisters in der Er- innerung des ,,excentrischen" Knaben eine Gro'sse, einen goldenen Schein annehmen, der diesen Mann zu einem Ideal verklarte, und seinem kleinen Her- zen , in dem der Ehrgeiz frti he keimte , den Trieb einpflanzen , selbst einmal Grosses zu leisten und zwar in der Kunst , in welcher
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der rothrockige alte Herr so sehr excellirt hatte. *
Diese stolzen Plane und edlen Neigungen frei- lich sollten zunachst in dem Knaben sehr alterirt werden, und es gehorte eben eine solch tiefe Liebe zur Musik und ein solcher Keim der Begeisterung, wie ihn das Bild des Grossvaters in der kindlichen Seele erweckt hatte, dazu, urn die Widerwartigkei- ten der ersten Lehrzeit zu iiberwinden. Denn da es also von Jahr zu Jahr schlechter um die ma- teriellen Verhaltnisse der Familie stand und der Vater immer tiefer in die angeborne Schwache versinkend 9, sich selbst stets weniger die Kraft zu- traute, diese Zustande zu bessern, so gedachte er, der wohl begriff, dass ein grosses Talent in sei- nem Sohne stecke, sich und der Familie in dies em Aeltesten recht bald eine dauernde Unterstutzung heranzubilden. ,,Es war fUr den Knaben", erzahlt Schlosser, ,,bereits in seinem vierten Jahre ein sehr grosses Vergntigen, wenn er seinem Vater zuhb'ren konnte , wenn dieser sich zu einem Vortrage am Clavier vorbereitete. Er eilte dann von seinen Ge- spielen weg, horte unter Freudenbezeugungen zu und bat den Vater immer, noch langer fortzufah- ren, wenn er endigen wollte. Die hochste Lust wurde ihm aber gewahrt, wenn ihn der Vater auf den Schoss nahm und durch seine kleinen Finger- chen den Gesang eines Liedes auf dem Claviere begleiten liess. Bald begann der Knabe eine Wie-
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derholung dieses Spieles allein zu versuchen, und dieses gliickte ihm im Anfange des 5. Jahres schon so gut, dass nun auf ernstlichen Unterricht gedacht werden musste." Der Vater liess ihn also Anfangs spielend, nachher immer mehr mit Ernst das Cla- vierspiel beginnen. Nicht lange darauf musste Lud- wig auch die Geige in die Hand nehmen. So lange nun dies Alles ein Spiel war, mochte es ihm wohl behagen. Nachdem aber noch zwei Sohne geboren waren, namlich 1774 Caspar Anton Carl und 1776 Nicolaus Johannes , begann dem Vater die Sorge um deren Erhaltung und Erziehung noch mehr aufs Herz zu fallen, und er strebte fortan schneller zu seinem Ziele zu kommen , indem er den Knaben hurtig zu einem Genie zu prapariren und dann mit ihm Reisen zu machen gedachte. Hatte es nicht Mozart ebenso angefangen? Er war ja 1764 mit semen beiden Kindern auch in Bonn gewesen. Machen wir also auch aus unserm Ludwig schleu- nigst ein Wunderkind ! Halten wir ihn mit Strenge zu unausgesetztem Clavierspiele an ; denn solche Fertigkeit imponirt den Leuten am meisten. Kiim- mern wir uns dabei nicht um die Thranen , die der Knabe bei den Uebungen vergiesst, nicht um die Seufzer, mit denen er die vielen Aufgaben lernt, die er aufbekommen hat! Ja appliciren wir dem trotzigen Jungen zuweilen eine gehb"rige Ohr- feige , damit er munter wird und rasch vorwarts kommt !
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Es 1st emporend, so etwas zu vernehmen. Und doch 1st alles wb'rtlich wahr. Cacilia Fischer, Beet- hoven's Spielkameradin in demselben Hause, glaubte noch in ihren alten Tagen den Knaben zu sehen, wie er auf einem Bankchen sass und weinend seine Aufgaben lernte. Wegeler sagt : ,,Unter vielen Thranen machte der kleine Ludwig oft seine Uebungen, zu welchen der Vater mit Harte ihn anhielt." Von „ violence" und ^frapper pour 1'obliger a se mettre au piano" berichtet auch F6tis nach der ausdrucklichen Erzahlung eines Herrn Baden von Bonn, der Mitschuler Beethoven's war. Ja Fischhoff bemerkt, dass ,,der Vater dem Knaben von dem Spielen mit Kindern, das er sehr liebte, oft gewaltsam verjagte und nur mit Ohrfeigen zum Clavierspielen aufmunterte, so wie dass Ermahnun- gen und Bitten unter vier Augen von seinen Freunden , den armen Knaben mit Liebe zu be- handeln, vergeblich waren." Gewiss, dass dieser durch die ununterbrochene Uebung bald eine grosse Fertigkeit gewann und das Erstaunen seiner Um- gebung erregte. Aber was todtet eine solch lieb- lose Behandlung nicht in der Seele des Kindes, und wie viel Zuge aus Beethoven's spaterem Le- ben stehen in einem ganz andern Lichte da, wenn man sich dieser harten Jugendzeit erinnert! Fischhoff hat wohl Recht, wenn er meint , dass namentlich die Verschlossenheit des Charakters, die ein hervorstechender Zug an Beethoven ist,
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und unter der er ein tiefes Geftihl gewaltsam ver- barg , ihre Erklarung durchaus in dieser lieblosen Behandlung des Kindes finde. Auch 1st es ganz natiirlich,, dass er allezeit seine sanfte Mutter mehr liebte als den nur strengen Vater und von ihr auch spater noch mit Liebe und Gemtithlichkeit, dagegen von dem Vater, den wir bald von einer noch schlimmeren Seite kennen lernen werden, nur wenig und ungern sprach ; allein ein hartes Wort, das ein Dritter iiber diesen unglucklicheii Mann fallen liess, brachte ihn auf. 10
Horen wir nun das Nahere iiber deri musika- lischen Jugendunterricht unseres Meisters. Simrock also lieh dem Vater, der ohne Clavierspieler zu sein die erste Zeit hindurch den Unterricht des Knaben ganz allein besorgte , aus seinem grossen Musik- lager die Compositionen von J. Haydn und anderen Meistern , unter denen, wenn der FisehhoiFschen Handschrift zu glauben ist, auch dementi und Mo- zart mit ihren Jugendwerken waren ". Der Knabe trug bereits in seinem neunten Jahre manches da- von auf einem elenden alten Federfliigel sehr gut vor 1Z. Bald aber fiel es dem Vater doch ein, dass sein Unterricht wohl nicht ganz geniige, und so er- suchte er , da er einen andern Lehrer nicht zu bezahlen vermochte, jenen Director der Militar- musik Pfeiffer um Fortbildung des Knaben. Wegeler nannte diesen Mann ,,hochst genial und einen trefflichen Kiinstlera und sagt, Beethoven ver-
Nohl, Beethoren's Jugend. 6
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danke ihm das Meiste. Ich habe durchaus nichts uber ihD erfahren konnen ; doch spriclit auch der Umstand, dass Beethoven ihm noch von Wien aus durch Simrock eine Geldunterstutzung zukommen liess, wohl fur eine gewisse Wahrheit jener Angabe. Pfeiffer ging aber bald als Kapellmeister zur Musik eines bairischen Kegiments nach Dusseldorf ab 1S, und da war es dem Herrn Hoftenoristen wohl sehr lieb, auch ohne Zweifel durch ihn selbst betrieben, dass der Churfurst, vor dem er den Knaben hatte spielen lassen und der das gross e Talent wohl er- kannte, seinem Hoforganisten vanden Eeden Auf- trag gab, den Kleinen ini Klavier- und Orgelspiel zu unterrichten. Auch uber dieses Mannes Fahigkeiten und Leistungen war nichts weiter zu ermitteln, als dass er seiner Zeit wder beste Clavierspieler in Bonn war", und er scheint wohl keinen beson- dern Einfluss auf den ihm anvertrauten Knaben gehabt zu haben, da ihm obendrein zur Unterwei- sung desselben wenig Zeit blieb 14. Als nun aber nach van den Eeden's Tode im Juni 1782 der Musikdirector Neefe, der bereits am 15. Februar 1781 durch Vermittlung des Freiherrn von Belder- busch und der schonen Grafin Hatzfeld die Anwart- schaft auf die Organistenstelle erhalten hatte, zum wirklichen Hoforganisten vorruekte , wurde ihm auch der Unterricht Beethoven's uberwiesen, ja ,,S. churfurstliche Gnaden trugen ihm auf, die Ausbil- dtmg des Knaben sich zu einer besonderen Ange-
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legenheit zu machen." 15 Denn Max Friedrich, der durch Belderbusch die Grafin Hatzfeld und noch einen hohen Gonner Beethovens, den Obristhof- meister Grafen Sigismund von Salm-Reiffen- stein stets an den talentvollen Knaben erin- nert wurde, hatte ,,fur dessen Besorgniss und etwaige Subsistenz, die sein Vater ihm zu reichen ganz ausser Stande ist, die gnadigste Zusage ge- than" und musste also vor Allem fur seine geho"- rige Ausbildung sorgen. 16 Doch scheint sich auch Belderbusch uberhaupt der Familie des immer mehr zuriickgehenden Hoftenoristen mit Gunst und Gabe bin und wieder etwas angenommen zu haben. Hatte doch er, der allmachtige Herr des Landes, mit- sammt seiner churfiirstlichen Geliebten, der Grafin von Satzenhofen, Aebtissin zu Vylich; bei dem zwei- ten Sohne, Caspar Anton Carl von Beethoven sogar Pathenstelle vertreten. 17 Die Ausbildung Ludwigs aber war ja das beste Mittel, der ganzen Familie aufzuhelfen. So wurde denn Neefe, der als Musik- direktor des Theaters, als Schiller des damals so beruhmten Johann Adam Hiller, wie durch eigene Compositionen und vortreffliches Klavier- und Orgel- spiel der hervorragendste Musiker der Stadt war, des Knaben Lehrer. Ueber diesen Mann nun miissen wir uns etwas genauer unterrichten ; denn er war der erste, der entscheidenden Einfluss auf die Ent- wicklung Beethovens, sowohl in seinem Charakter als in der Kunst, gehabt hat.
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In einer Abhandlung ttber das musikalische Drama in der ,,Allgemeinen Musikalischen Zeitung" von 1799 18 sagt der ungenannte Verfasser: ,,Zum Componisten musste Meissner — in dem Melodrama Sophonisbe — gerade einen Neefe haben, einen Mann, dessen weichgeschaffenes Herz jedem zar- ten Gefuhle ganz geoffnet war; einen Mann, der nur ftir die Kunst, fur das Edle und Schone, fiir seine Familie und seine Freunde lebte; der mit gleich philosophischem Scharfblick seine Kunst wie die menschlichen Leidenschaften studirt hatte." In diesem Urtheile eines offenbar sehr befreunde- ten Referenten haben wir Neefe als Menschen und Kiinstler vollkommen richtig charakterisirt. Er war 1748 in Chemnitz als Sohn eines armen Schnei- ders geboren und lernte , damit er sich nach Ge- wohnheit der damaligen Zeit auch damit selbst fort- zuhelfen venaoge, neben den Elementargegenstanden auch Musik. Dann ging er auf die Universitat nach Leipzig, um Jurisprudenz zu studiren, wandte sich aber, zumal er durch Hiller und den ihn umgeben- den Kreis immer mehr in das Kunsttreiben der Zeit hineingekommen war, bald ganz der Kunst zu. Er schrieb anfangs in Hiller s ,,Wochentliche Nachrichten" und versuchte sich auch b aid in klei- nen musikalischenSchopfungen. Diese nun, einfache Lieder und Singspiele, tragen ganz und gar das Geprage der Richtung, die damals besonders Sach- sen in der Musik vertrat. Es war namlich dort
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der Geist und das Konnen des alten Vaters Johann Sebastian Bach allmalig ganz verloren gegangen, und wie die protestantischen Theologen der Zeit so wenig von dem gegen alles unwahre Formel- wesen protestirenden Geiste Luthers verstanden, dass sie einen Lessing mit unermiidlichem Eifer und gehassigster Erbitterung verfolgten, so batten auch die norddeutschen Musiker, vor Allem in Sachsen, im besten Falle nur nocb eine dunkle Verebrung fur den grossen Mann, der die Empfin- dungsweise der modernen Zeit zum ersten Male, wenn auch einseitig religios, 19 doch in ihrer vollen Tiefe ausgesprochen hatte. Wahrend aber die Berliner Zoglinge der Bach'schen Schule, ein Agri- cola, Kirnberger, Quanz, so sehr bloss das Formen- wesen, das Rauspern und Spucken des alten Heroen aufgenommen batten, dass ein gleichzeitiger Bericht- erstatter meint: ,,Die berliniscben Tonkiinstler fei- len zu sehr an ihren Geschopfen) nehmen ihnen zu viel Naturfleisch ab und schaben bisweilen bis auf Knochen und Mark" — 20, strebten die sachsi- schen Componisten, der Richtung der Zeit auf den Reiz der aussern Erscheinung gemass, ihre Ton- gebilde moglichst gefallig, geschmeidig und klang- voll zu machen. Zwar ein Ho mill us in Dresden zeigte noch etwas von der innerlichen Hoheit des echten Protestantismus. Allem schon Graun verfiel in seinen Kirchencompositionen durchaus einem weichlichen Reiz, dem es freilich zuweilen an Wahr-
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heit des Empfindens nicht gebricht, der aber gar zu oft kraftlos sentimental 1st und hochstens in einer freieren leichteren Art der Melodiebildung den Fortschritt der Zeit bekundet. Ganz und gar dem Streben nach ausserem Sinnnenreiz verfiel Hasse. Aber sein langer Aufenthalt in Italien hatte ibm auch einen viel reinern Schonheitssinn gewahrt, als die iibrigen Deutschen seiner Zeit besassen 21. Schiller und Verehrer diaser drei Manner war nun vor Allem Johann Adam Hiller, der Freund und Lehrer unsers Neefe. Es ist sehr bemerkens- werth, dass diese beiden Manner nicht sowohl von der Seite des tiichtigen Handwerks, aus dem die friiheren Componisten hervorgegangen waren und in dem noch manche Berliner Musiker verblieben, als von der Seite der allgemeinen geistigen Bil- dung her in die Kunst hineinkamen und zu eige- nen Compositionen angeregt worden waren. Ja bei Hiller waren wesentlich das Theater , namentlich unter Koch in Leipzig und die Theater - Dichter, vor Allem Weisse, das anregende Element ge- wesen 22. Wer aber ganz besonders von dieser geist- reichen Bildung her seinen anfanglichen Dilettantismus in der Musik allmalig zur epochemachenden Bedeu- tung erhoben hatte , das war der zweite Sohn Johann Sebastian Bach's, CarlPhilippEmanuel. Auch er war auerst Jurist gewesen und nur durch den Verkehr mit den geistreichen Mannern seiner Zeit zur Kunst gelangt. Und zwar hatte er nun
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auch in der Musik versueht, gerade wie die Dich- ter jener Tage vor Allem ,,den schonen Empfin- dungen der Menschenbrust" zum Ausdruck zu ver- helfen. Was namentlich seine mancherlei Sonaten fur die Entwicklung der Kunst bedeuten, erfahrt man aus jeder Musikgeschichte. Erklarte doch sogar Joseph Haydn diesen Bach fur seinen eigent- lichen Lehrer 23. Von ihm nun, und zwar speciell aus seinem bekannten ,,Versuch iiber die wahre Art das Klavier zu spielen," hatte auch Neefe das Meiste gelernt, vor Allem ,,eine erhabene Simpli- citat, schone rhythmische Form und fliessenden Gesang, richtige Declamation und starkes Kolorit". Und die Zeitgenossen schrieben ihm, bezeichnend genug, bei tiefen Kenntnissen der Harmonic und gewissenhafter Schreibart vor Allem einen ;?gelau- terten Geschmack und ein richtiges asthetisches Geftihl" zu? so dass er ,,insbesondere seinem Dich- ter mit so seltener Geschicklichkeit in seine fein- sten Nuancen zu folgen und jeder Schwierigkeit der Odencomposition durch eine so geschickte Struc- tur seiner Periode so gliicklich auszuweichen wusste" 2*.
Dieses Lob verdient Neefe in der That, das heisst mit RUcksicht auf seine Zeit, in der er mit seiner Weise allerdings den Fortschritt vertrat. Wenn er auch weder in seinen Sonaten noch Liedern noch Operetten, so wenig wie sein Freund und Lehrer Hiller, irgend etwas geschaffen hat, was
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auch ausserhalb der Kunstgeschichte bedeutend ware und wie des Zeitgenossen Dittersdorfs Werke ein schopferisches Element oder doch geniale Zlige aufzuweisen hatte, so gehort er doch durchaus unter die Manner, welche erkannten, dass allerdings zunachst nicht auf dera Wege der alten Bach'schen Schule welter zu kommen sei, sondern dass man sick, so gut wie das die Dichter gethan batten, zunachst an die Natur halten und an dem rei- neren Schonheitsgefiihle der romanischen Nationen bilden mttsse, um in die eigene Weise mehr Ge- schmack, Geschmeidigkeit, Gefalligkeit zu bringen. Auch Neefe trat kraftig dem Zopf der Schule entgegen und begunstigte in seiner Kunst die natUrlichen Regungen des Herzens , das in unserm Vaterlande so eben begann, sich aus der Kapsel der Kirche, aus den Banden der Theologie zu befreien und in der schonen lieben Gotteswelt umzuschauen. Er selbst nennt zum Beispiel seine Lieder mit Claviermelodien , die 1776 bei Giinther in Glogau erschienen, ndie Fruchte einiger ge- fiihlvollen Stunden" und meint; das edle emptin- dende Herz der Dame, der er diese Fruchte zu Fiissen legt, werde auch den Dichtern dieser Lieder seinen Beifall nicht versagen konnen. Unter diesen sind dann Rammler, Gessner, Eschcnburg, Herder, Weisse, Voss, C.lau- dius mit ihren Daphnes und Chloes sehr vertre- ten. Vor Allem aber ,,segnete sein Herz auf ewig
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das Andenken Gellert's." Und wie diese Dichter, die Jedermann kennt, so sind auch Neefe's Lieder die ersten Anzeichen einer freieren edleren Auf- fassung des menschlichen Wesens, das endlich aufhort sein ei genes Inneres als einen Siinden- pfuhl zu betrachten, vielmehr auch in seinen eigenen Regungen den Wiederhall des wahrhaft Grottlichen vernimmt. a5
Rechnet man nun noch dazu, dass dieser ,,leichte, gefallige und muntere Componist" zugleich em guter Clavier- und Orgelspieler war und sogar als Violinist ein ausgezeichneter Virtuose, so ist nicht zu laugnen, dass sich fiir Beethoven in ihm ein Lehrer fand, so vortrefflich wie ihn nur irgend ein junges Grenie, selbst Mozart nicht ausgenommen7 besessen hat. Nun berichtet freilich Wegeler, Neefe habe wenig Einfiuss auf den Unterricht Beethovens gehabt; letzterer habe sogar iiber Neefe's zu harte Kritik seiner ersfen Versuche in der Composition geklagt. Aber deni steht erstens als directes Zeug- niss entgegen, dass Beethoven selbst, nachdem er bereits in Wien einen Ruhm als einer der ersten Klavierspieler errungen hatte, seinem Lehrer einen sehr liebevollen Brief schrieb, worin er unter Anderm sagt: 7,Ich danke Ihnen fur Ihren Rath, den Sie mir sehr oft bei dem Weiterkommen in meiner gottlichen Knnst ertheilten. Werde ich einst ein grosser Mann, so haben auch Sie Theil da ran, das wird Sie urn so mehr freuen, da Sie
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tiberzeugt sein kdnnen u. s. w." 26 Und wenn er auch spater vielleicht bei Anlass von Exercitien, die er nach Haydn oder Albrechtsberger machte, mit begreiflichem Selbstbewusstsein die Worte schrieb: ,,Ich brauchte wegen mir selbst beinahe dieses nie zu lernen, ich hatte von Kindheit an ein soldi zartes Gefuhl, dass ich es ausubte, ohne zu wissen, dass es so sein miisse oder anders sein konne," 27 — so vergisst er, dass man nicht bloss, um Fehler zu vermeiden, einen Lehrer braucht, sondern dass gerade der richtige Lehrer jenen feinen Instinct so weit zu entwickeln be- rufen ist, dass ihn hernach das eigene Schaffen zum bewussten Gesetz zu erheben fahig ist. Ein solcher Lehrer aber war fur Beethoven Neefe in der That. Zunachst brachte es seine reine Be- geisterung fiir alles Scheme und vor Allem der Ernst, mit dem er die Kunst ansah, ganz von selbst mit sieh, dass er der bisherigen Art, mit der Beethovens Unterricht betrieben war, energisch entgegentrat. Wo die Vorganger vielleieht die aller- ausserlichste Fertigkeit des Knaben entwickelt hatten, fuhrte Neefe ihn auf ein mehr empfindungs- volles und abgerundetes Spiel, in dem nicht die Finger, sondern Geist und Herz die Hauptrolle hatten28 . Wo die Andern die Virtuositat wie das Improvisiren des Knaben mit unvernunftigen Lob- sprtichen belegt hatten, wies Neefe, dem es um die wirkliche Bildung der ausserordentlichen Gaben
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seines Schulers zu thun war, vor Allem auf das bin, was noch zu erlernen war, und tadelte das Rauhe und Unfeine, das ja das Spiel derer, die in der niederen Musikantensphare verharren, stets zeigt. Das mochte denn freilich dem jungen Virtuosen, der sich bereits etwas Grosses diinkte, nicht recht behagen, zumal Neefe, ein kleiner buckliger Mann, den nach seiner eigenen Angabe von Jugend auf ,,ofters eine witzige satyrische Laune kutzelte und der Freimiithigkeit genug hatte, alle seine Einfalle rund heraus zu sagen," — auch Beethoven wohl zuweilen etwas ironisch behandeln mochte. Allein wir werden von seiner wahrhaft wohlwollenden Art , die ihn zu einem Liebling aller derer machte, die ihn kannten, und Andere seine Be- kanntschaft sehr wunschen Hess, noch Manches erfahren 29.
Vor Allem aber war es auch Neefe, der dem Knaben die wiirdigstenVorbilder des Strebens in die Hand gab und so seinen Sinn auf das Hohe und Hochste der Kunst richtete. Hb'ren wir ihn daruber selbst und zwar in demselben Bericht vom 2. Marz 1783, aus dem wir die Kenntniss der damaligen Musikzustande Bonns geschopft haben. Es ist dies iiberhaupt die erste Erwahnung, die Beethovens in der Oeifentlichkeit geschieht. Dort heisst es: ,,Louis van Beethoven, Sohn des eben angefuhrten Tenoristen, ein Knabe von 11 Jahren und von viel versprechendem Talent. Er spielt sehr fertig
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und mit Kraft das Klavier, liest sehr gut vom Blatt, und um alles in einem zu sagen: Er spielt grosstentheils das wohltemperirte Klavier von Sebastian Bach, welches ihm Herr Neefe unter die Hande gegeben. Wer diese Sammlung von Praludien und Fugen durch alle Tone kennt, (welche man fast das non plus ultra nennen konnte) wird wissen, was das bedeute. Herr Neefe hat ihm auch, sofern es seine ubrigen Geschafte er- laubten, einige Anleitung zum Generalbass gegeben. Jetzt tibt er ihn in der Composition, und zu seiner Ermunterung hat er 9 Variationen von ihm fiirs Klavier liber einen Marsch in Mannheim stechen lassen. Dieses junge Genie verdiente Un- terstutzung, dass es reisen konnte. Er wtirde gewiss ein zweiter Wolfgang Amadeus Mozart werden, wenn er so fortschritte, wie er angefangen." 30
Bald darauf nun und zwar den 14. Weinmond 1783 zeigte der hochfiirstliche Brandenburgische Rath Bossier in Speier an: ,,Louis van Beethoven, 3 Claviersonaten, eine vortreffliche Composition eines jungen Genies von 11 Jahren, dem Curfiirst von Koln zugeeignet. 1 fl. 30 kr." S1 Diese Sonaten schrieb derKnabe, wie Fischhoffsagt, auf Befehl sei- nes Vaters. Wahrscheinlich aber war dabei ebenso sehr derWunschNeefes thatig, dem selbstredend daran lie- gen musste seinem und seines Schtilers hohem Gonner einmal zu zeigen, was denn der Knabe fiir das
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Geld, was man an ihn wendete, bereits gelernt habe. Es verfasste also Neefe — denn sicher 1st er, der der Feder wohl gewachsen war und gerne schrieb, auch diesmal der Verfasser — an den hochwiirdig- sten Erzbischof und gnadigsten Herrn des jungen Componisten eine Dedication, die zu bezeich- nend fur die Zeit ist, als dass sie hier fehlen durfte.
,,Erhabenster! — Mit meinem vierten Jahre begann die Musik die erste meiner jugendlichen Beschaftigungen zu werden. So frtihe mit der hoi- den Muse bekannt, die meine Seele zu reinen Harmonien stimmte, gewann ich sie, und wie mirs oft wohl dauchte, sie mich wieder lieb. Ich habe nun schon mein eilftes Jahr erreicht, und seit- dem flusterte mir oft meine Muse in den Stunden der Weihe zu: ,,versuch's und schreib einmal Dei- ner Seele Harmonien nieder !" Eilf Jahre — dacht' ich — und wie wiirde mir da die Autormiene lassen ? und was wiirden dazu die Manner in der Kunst wohl sagen? — Fast ward ich schuchtern, doch meine Muse wollfs — ich gehorchte und schrieb. Und darf ich's nun, Erlauchtester, wohl wagen, dieErstlinge meiner jugendlichen Arbeiten zu Deines Thrones Stufen zu legen? — und darf ich hoffen, dass Du ihnen Deines ermunternden Beifalles mil- den Vaterblick wohl schenken werdest? 0 ja! fan- den doch von jeher Wissenschaften und Ktinste in Dir ihren weisen Schtizzer, grosmuthigen Beforde-
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rer und aufspriesendes Talent unter Deiner hohen Vaterpflege Gedeihen. Voll dieser ermunternden Zuversicht wag' ich es, mit diesen jugendliclien Versuchen mich Dir zu nahen. Nimm sie als ein reines Opfer kindlicher Ehrfurcht auf und sieh mit Huld, Erhabenster! auf sie herab und ihren jungen Verfasser. Ludwig van Beethoven." 32
Was mag wohl der stolze Ludwig spater ge- sagt haben, wenn er diese komisch uberschwang- liche Dedication las? Er sah dieselbe, als er 1822 bei der Herausgabe seiner sammtlichen Sonaten bei Tobias Haslinger in Wien auch diese Jugend- fruchte miterscheinen Hess 3S; und wird wie wir - gelachelt haben. Allein zugleich wohl erinnerte er sich ebenfalls wie wir der Gunst, welche auch seinen Jugendtagen, die sonst Jedermann ftir triibe halt und die gewiss triibe genug waren, geschienen hat, und dachte in der Demuth des Alters, dass selbst zu den gunstigsten Naturanlagen doch die gtinstigsten ausserenVerhaltnisse hinzutreten mttssen, wenn dasGrosse, wenn nur das Rechte geschehen soil. Denn eben jene Sonaten verrathen, dass dem genialen Knaben ausser dem reichen Musikbetrieb, der Bonn damals auszeichnete und spater sogar zu einer Pflanzschule manch guten Musikers wer- den sollte, auch noch die weise lenkende Hand eines wiirdigen Ktinstlers zur Hilfe gewesen. Sie sind als Arbeiten eines Kindes in der That von Bedeutung; denn sie sprechen die Ideen, deren die
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jugendliche Phantasie fahig war, in einer so klaren, festen, Ubersichtlicheu Weise, so logisch und orga- nisch aus , dass man wohl erkennt, Neefe verstand in der That Hebammendienste bei diesem Genius zu verrichten, ja er verhalf ihm, wie jeder echte Lehrer soil, erst recht zum Besitze seiner hohen Fahigkeiten. Die IX Variationen, die ebenfalls Neefe zur Ermunterung des Knaben herausgeben liess und die auf einen C-moll-Marsch des landgraflich-kassel- schen Hofkapellsangers Dressier 34 gemacht sind, zeigen kaum etwas anderes als den Klavierspieler, der seine erlernten Fingerfertigkeiten nutzbar machen will. Die Sonaten aber haben eigene Ideen, und was mehr werth ist, sie bekunden entschiedenen Sinn ftir die Form, ja fur den so schwierigen Or- ganismus dieser besonderen Form. Und sicher war dies das Werk Neefes7 der eben uber das Hand- werk hinaus auch das Kunstlerische seines Berufes langst erkannt hatte. So ist dieser Mann durchaus als derjenige zu bezeichnen, der zu Beethovens einstiger Grosse das sichere Fundament gelegt hat, weil er zuerst in dem keineswegs ftir regel- rechte Aeusserungen seines inneren Lebens ange- legten Knaben, der schon friihe ,,eine hohe Ex- centricitat zeigte", einen lebendigeren Formensinn zu erwecken wusste 3$/i
Mit diesem allgemeinen Urtheile, zu dessen speciellerer Begriindung sich spater Gelegenheit genug linden wird, scheiden wir einstweilen von
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der musikalischen Entwicklung des Knaben, urn zunachst zu sehen, wie die iibrigen Seiten seines Wesens ausgebildet wurden und wie die ,,Spuren seines originellen und bedeutenden Charakters" sich bereits in jenen Jugendtagen zu zeigen und zu entfalten begannen.
Fflnftes Rapitel.
Schnle and Bildang.
nEr spielt grb'sstentheils das wohltemperirte Klavier von Sebastian Bach," schreibt Neefe *.
Wer sich nun daran erinnert, wie sehr gerade Beethoven die besondere Art des deutschen Wesens, das wahrhaft Geistestiefe, was sich in Sebastian Bach nach der religib'sen Seite hin mit klassischer Vollendung ausgesprochen hatte, in seiner spatern, echt Beethovenschen Richtung aufgenommen und nach einer andern, viel allgemeiner menschlichen Seite hin zu eben solcher Vollendung erhoben hat, dem wird diese Notiz Neefe's mancherlei zu be- denken geben. Nicht als wenn die Geistesart Bachs bereits in jenen frtihen Jugendtagen dem Schaffen Beethovens sogleich den entscheidenden
Kohl, Beethoran'i Jagend. 7
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Stempel aufgedriickt hatte ! Es weiss vielmehr Jeder, dass die ersten Werke Beethovens auch gar nichts von Bach, wenigstens nichts von seiner Composi- tionsweise haben, und dass dies im Grunde noch ein Menschenalter hindurch so blieb. Allein eben dass Beethoven dann, als er in derReife seiner Jahre stand und mit dem Leben abschliessend tiefer in das eigene Innere zuruckkehrte , mit Entschieden- heit gerade dem Geiste Bachs, ja seiner Schreib- art sich zuwandte, macht uns darauf aufmerksam, wie tief der Eindruck gewesen sein muss, den seine Seele von diesem Heros echt deutscher Musik bereits in der Jugend empfing. Es sind ja die Eindrticke der Jugend entscheidend fiir das ganze Leben, selbst wenn eben das Leben mit seinen verschiedenen Richtungen fiir eine Reihe von Jahren dem Schaffen eines Kiinstlers eine ganz verschiedene Wendung geben sollte. Das Ureigene des Geistes bricht schliesslieh durch alle Hinder- nisse siegreich hindurch, und dieses Ureigene scheint eben bei Bach und Beethoven von gleicher Art gewesen zu sein.
Freilich erfahren wir wenig, dass Beethoven sich liber Sebastian Bach in besonderer Weise geaussert habe a. Allein pflegt der Mensch, und nun gar der Kiinstler, tiber die tiefste Eigenthtimlichkeit seines Wesens zu reden? Ja pflegt er sich deren auch nur stets klar bewusst zu werden? Nur we- nige konnen so etwas von sich sagen, und bei
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Beethoven hat jenes Bewusstsein wie es scheint gerade desshalb gefehlt, well es eben das Aller- eigenste seiner Natur war, wovon hier die Rede ist und das wir Uberhaupt als die unterscheidende Eigenthumlichkeit des deutschen Geistes kennen lernten. Diesmal sind allein die Werke Beethovens Beweis unserer Behauptung. Aber sie, besonders die Missa solennis, sind so redende Zeugen, dass diese Beobachtung im Grunde Niemanden ent- gangen sein wird und aueh hier nicht als etwas Neues, sondern als bekannte Thatsache ausgespro- chen wird. Freilich wie gesagt, Beethoven, der Handel den Meister aller Meister nannte, hat Sebastian Bachs selten erwahnt. Allein gerade weil er ihn in so friiher Jugendzeit kennen lernte und spater, besonders beim Baron van Swieten in Wien auch immerfort aus dem wohltemperirten Klavier j,zum Abendsegen" vorzutragen hatte s, so ging er ihm so sehr in Fleisch und Blut tiber, dass er, der iiber alles in der Welt, aber nicht daruber nachzudenken pflegte, woher ihm dieser oder jener geistige Eindruck, diese oder jene geistige Richtung gekommen sei, auch tiber die Wirkung, die Bach auf ihn gethan, nicht weiter grubelte, sondern eben den Eindruck dieser Werke still auf sich wirken liess. J£tinstler, die rechten wenigstens, denken wohl nach tiber die Mittel ihrer Kunst, der Geist aber, der sie treibt, ist als innenwirkende Natur nicht Gegen- stand ihrer Ueberlegung, sondern unbewusst zeu-
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gende Kraft. Dass aber die Geistesart Bachs und die Hinwendung zum Uebersinnlichen, die wir doch auch bei Beethoven als eingeboren erkannten , erst so spat in die Wirklichkeit seines Schaffens eintrat, dann aber auch alles Andere uberwand oder zu- ruckdrangte, findet seine Erklarung in der Rich- tung der Zeit, der auch Beethoven so lange unter- than blieb, bis die eigene Kraft geniigend erstarkt war, um in ihrer besonderen Art bestimmt hervor- zutreten. Dann freilich konnte sie ihrer Zeit Ge- setze vorschreiben.
Es haben also die eigentlichen Beethoven- verehrer und die , welche die neuen Bahnen der Kunst, ,,die Musik der Zukunft" von ihm ableiten wollen , in keiner Weise Unrecht , wenn sie ihre Zeit erst von den Werken des Meisters an datiren, wo er in seiner ureigenen Natur erscheint. Sie betrachten eben alles Vorhergehende , so herrlich es ist, doch nur als eine Mischung des Beethoven- schen Geistes mit den bisherigen Kunstbestre- bungen. Der wahre Prophet fangt erst da an, wo er ganz und gar nur sein eingebornes Wesen aus- spricht.
Erinnern wir uns nun , wie man zu Beetho- vens Jugendzeit den Altmeister deutscher Tonkunst aufzufassen pflegte, so ist es sehr erklarlich, dass Beethoven, der wie jeder Knabe, trotz seiner sel- tenen geistigen Begabung sich dem Einfluss seiner nachsten Umgebung nicht zu entziehen vermochte,
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selbst wenn Sebastian Bach sogleich entscheiden- den Eindruck auf ihn gemacht hat , nicht diesem Eindrucke, sondern den Bahnen folgte, auf denen zunachst allein eine Weiterentwicklung der Ton- kunst moglich war. Dieser Weg allein vermochte ihn auch spater zu einer Wiedergeburt Bachschen, das heisst wahrhaft deutschen Geistes zu fiihren. Zwar Neefe nennt das ,,wohltemperirte Clavier" das Non plus ultra, und das ist es als Etudenwerk sowie er es zunachst betrachtet, unzweifelhaft. Im TJebrigen kam aber auch er liber eine dunkle Ver- ehrung des grossen Mannes doch nicht hinaus. Selbstschopferisch im Geiste Bachs seine Kunst fortzubilden, lag ihm so fern wie nur etwas ; dazu fehlte ihm die angeborne Kraft, die ja selbst einen Haydn nicht geschenkt wari und sogar Mo- zart nur zeitweise , nur in den letzten und hoch- sten Momenten seines Schaffens zustand. * Neefe blieb vielmehr ganz auf dem Pfade einer Kunst- richtung, deren Wesen ein Mann, der wie iiber alle moglichen geistigen Dinge, so auch iiber die Ent- wicklung seiner Kunst eifrig zu reflectiren pflegte und in seinen Kaisonnements ein richtiges Gefiihl iiir die nachsten Bediirfnisse der Zeit zeigt, klar genug auseinandergesetzt hat. Das war Johann Friedrich Reichardt, koniglich preussischer Ka- pellmeister und ein ebenso viel angefeindeter als geschatzter Musikschriftsteller jener Zeit. Dieser sagt einmal Folgendes : ,,Es hat nie ein Com-
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ponist, selbst der besten tiefsten Italiener keiner, alle Moglichkeiten unserer Harmonic so erschopft, als J. S. Bach. Es 1st fast kern Vorhalt moglich, den er nicht angewandt ; alle achte harmonische Kunst und alle unachte harmonische Ktinsteleien hat er in Ernst und Scherz tausendmal angewandt; mit solcher Kuhnheit und Eigenheit, dass der grb'sste Harmoniker , der einen fehlenden Thematakt in einem seiner grossten Werke erganzen sollte, nicht ganz dafttr stehen kb'nnte ? ihn so ganz wie ihn Bach hatte , erganzt zu hahen. Hatte Bach den hoheh Wahrheitssinn und das tiefe Geftihl fttr Ausdruck gehabt , so Handel be- seelte, ei- ware weit grosser noch als Handel ; so aber ist er nur weit kunstgelehrter und fleissiger. Hatten diese beiden grossen Manner mehr Kennt- niss desMenschen, der Sprache und Dichtkunst gehabt , und waren kiihn genug gewesen , alle zwecklose Manier und Convenienz von sich fort- zuschleudern : sie waren die hochsten Kunstideale unsrer Kunst, und jedes grosse Genie 7 das sich jetzt nicht damit begntigen wollte , sie erreicht zu haben, musste unser ganzes Tonsystem umwerfen/ um so ein neues Feld zu bahnen." 5
Wir konnen nun hier nicht die gesainmte Ent- wicklung unserer Kunst, die in diesem Falle sogar einer Geschichte des menschlichen Geistes nahezu gleichkommen mtisste, einflechten, um das Stadium festzustellen, auf welchem die Musik damals ange-
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kommen war, und welche Seiten des menschlichen Geistes zu entwickeln waren , wenn Fortschritte geinacht werden sollten. Das gehort in die Kunst- geschichte, ja fast in die Philosophic. Allein mit einigen Worten miissen wir doch zu erklaren suchen, wie sogar Reichardt einem Bach ,.Wahrheitssinn und tiefstes Gefiihl fur den Ausdruck" abzusprechen vermag und ihm nicht die ,7Kenntniss des Men- schen^ zuschreibt , die allerdings zur Vollendung der Kunst nothwendig ist. Man muss eben in die- ser Hinsicht nicht vergessen, dass die wirkliche Welt in der That erst eben angefangen hatte, den Sinnen und dem Geist des Menschen aufzugehen, und dass eben desshalb zunachst der Werth dieser Dinge in jener Zeit auch hmerhalb der Kunst i tiberschatzt wurde. Die mittelalterliche Gottesan- schauung, sowie sie sich auch innerhalb der Musik in den Werken eines Palestrina, Orlando, Gabrieli herrlich genug ausspricht, hatte es in der Auffassung des Geistes kaum weiter gebracht, als dass man ihn in seinen allgeineinsten Fahigkeiten, als allwaltende und allbelebende Kraft erkannte. Die weltbewegenden Machte, das ewig wechselnde Schaffen und Zerstoren der Welt spiegelt sich auch in dem Wogen ununterschiedener Tonwellen wieder, das jene mittelalterliche Polyphonic zeigt. Und wenn man hin und wieder das Wesen des Menschen erfasste , so waren es im Grunde doch nur die sinnlichen Machte , welche wir niit alien
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lebenden Wesen theilen , was man verehrte. Aber dies wurde so rein, so naiv, so menschlich gefasst, dass es uns noch heute in innerster Seele erfreut: es spiegelt ja eine ganze Seite der Menschheit wieder und herrliche Anfange oder vielmehr die unzerstorbaren Grundlagen der sittlichen Krafte des Geschlechts. Diese, die mehr geistige Seite, die be- wusste Thatigkeit, vor Allem der Wille des Gu- ten im Gegensatz zum bloss natiirlichen guten Triebe, machte nun die neue Kirche zum Mittelpunkt ihrer Verebrung. Hiermit aber, weil man sich eben sei- ner angebornen Triebe Herr ftihlte, also aucb die Welt mit ihren Verlockungen nicht zu furchten batte, offnete sich dem Menschen auch ein klarerer Blick in die Welt der Erscbeinungen. Es ist durchaus bezeichnend, dass die mittelalterliche Kirche znm Mittelpunkt wie des Cultus so alles Denkens und Empfmdens das Weib mit seinem natiirlichen Triebe zum Guten machte , so dass noch heute eine nai- vere Auffassung des Sinnlichen alle sudlichen Lan- der erheiternd und belebend macht , wahrend da- gegen die neue Kirche in Christus den Mann mit seinem selbstbewussten Willen des Guten als Ideal menschlichen Strebens hinstellte.
Es konnte nun scheinen , als wenn diese Be- trachtungen: sehr weit von unserm eigentlichen Ge- genstande ablagen. Allein gerade sie fiihren zu einer naheren Kenntniss desselben bin. Die tiefere Auffassung des Gb'ttlichen und die damit innig
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verbundene reinere Erkenntniss von dem Wesen des Menschen, das ja schon das urspriingliche Christen- thum zum Mittelpunkt der Religion gemacht hatte, brachte uns auch wieder zu einer tieferen Erfas- sung des eigenen Innern. Dadurch warden aber die Geheimnisse dieses eigenen Wesens , die Vor- gange im eigenen Herzen , wie es Gott liebt und verehrt , vorerst so sehr zum ausschliesslichen Ge- genstande alles Dichtens und Trachtens der Be kenner der neuen Kirche, dass sie, denen doch der freiere Geist einen freieren Ausblick in die Wirk- lichkeit der Dinge eroffnet hatte , zunachst — in unserm Vaterlande wenigstens — gar k einen Ge- brauch davon machten, sondern sich tief und tie- fer in das eigene Herz hineinwUhlten. Ueber dieses nur , iiber sein Fiihlen , vor Allem liber sein Ver- halten zu Gott, geben freilich die Kunstprodukte des protestantischen Geistes jener Zeit , einen un- gleich tieferen Aufschluss, als alle bisherigen Werke menschlichen Schaffens. Zumal in Sebastian Bachs Werken stromt ein unerschopflicher Born aller der Empfindungen, die der Mensch hegt, wenn er bei seinem Gotte einkehrt. Gemiithstiefe , Reichthum der heiligsten GefUhle sind ihm eigen wie keinem andern Componisten, und es 1st nicht zu bezweifeln, dass eben dieser hohe Geist es war, was im Gan- zen der damaligen Umgebung Bcethovens fremd, doch in seinem Innern die tiefsten Eindriicke hin- terliess. Der streng ernste sittlich reine Sinn, der
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Sebastian Bach zu einem Haupttrager des ueuen Geistes gemacht hat , musste auf eine so ethisch angelegte Natur, als welche \vir Beethoven kcnnen, auf das Allerbedeutendste einwirkeiij urn so mehr, als er ihm ja in der Sprache entgegentrat , die ihm von Natur wie durch Uebung bereits in der Knabenzeit die gelaufigste war. Das Mannlich- kraftige Bachs , das stets das eigene Bewusstseiii, den eigenen Willen aufruft , musste auch in Beet- hoven mehr als alles Andere das Bewusstsein des eigenen Werthes, die Begeisterung fiir wahre Tu- gend und sittliche Wiirde wach rufen. Ja es ist zu sagen : was uns Heutigen nach dieser Seite hin Beethoven ist; das war ihm Sebastian Bach. i Es lag aber — und das war es, was ihn zu- nachst ausserlich von Bach abwenden musste - uberhaupt in jener Zeit das lebhafte Bestreben, die beiden verschiedenen Geistesrichtungen mit ein- ander zu verschmelzen. Das heisst, man erkannte, indem man aus der neuen Kirche die Consequenzen i'tir das Leben zog, auch ohne Weiteres die Wahr- heit, das Ewige in der Anschauungsweise der alten Kirche an.Hatten gerade Luthers Thaten den mensch- lichen Geist zu sich selbst fiihren und ihm durch Zerstorung aller fremden Formeln den Einblick in das Wesen des Gottlichen erb'ffnen sollen? so wa- ren doch die kirchlichen Bekenner der neuen Lehre allmalig am weitesten davon entfernt , Welt und Menschen zu betrachten; wie sie wirklich sind.
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Sie konnten vielmehr von den katholisch gebliebe- nen Volkern darin viel lernen. Gerade die slid- lichen Nationen waren, besonders auch in der Mu- sik , viel eher dazu gelangt , nun auch in Tonen auszusprechen , wie dem Menschen /u Muthe ist, wenn er sich mit Seinesgleichen beriihrt. Sie wa- ren eben viel weltlicher und demnach auch rascher zum Verstandniss der Welt gelangt, derweilen die Deutschen mit Entziicken ttber die Liebesthaten des siissen Herrn Jesulein hingen, und vor lauter himm- lischen Gefuhlen sich der Erde mehr und mehr entfremdeten , ja schamten. Namentlich die Erfin- dung der Oper; die dramatische Musik ist ein Zeichen , in welcher Weise man -sich der Dinge dieser Welt immer mehr bemachtigte. Und es ist sehr bemerkenswerth, wie mit der grosseren Kennt- niss des Menschen auch die Musik der Italiener an Wahrheit und treffendem Ausdruck, nament- lich in der Melodic zunimmt. Kein Wunder also7 dass walsche Opern damals uber ganz Europa gin- gen und die Welt der Bretter beherrschten.
Nun batten aber auch die Deutschen, so wie sie allmalig in ihrem Innern mit der Betrachtung der himmlischen Dinge fertig geworden waren, all- gemach auch wieder Sinn fur die Welt bekommen, und wir wissen , wie viel tiefer der germanische Geist Alles was er einmal erfasst, zu durchdringen strebt* Auch konnten sie sich eben mehr in die Welt und ihre Conflikte einlassen , da sie in sich
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selbst einen Schatz besassen, der sie vor dem hiilflosen Herabsinken in den Schmutz der Erde bewahrte. So wissen wir denn aus der Literatur- geschichte, dass der Deutsche alle jene Empfindung, die das Herz aus der Beruhrung mit den Menschen gewinnt, sogleich auch viel reiner, tiefer, inniger aussprach, als die stidlichen Volker. Das gleiche Streben aber, die wirkliche Welt in die Kunst ein- zufuhren und das Herz in seinen personlichsten Stimmungen reden zu lassen, erfiillte, wie wir. be- reits ojben beriihrten, jetzt auch die Musik, die ja so viel mehr als jede andere Kunst im Stande ist7 die Geheimnisse des Innern zu verkiinden. So hatte Reichardt in seinem Verstande wohlRecht, wenn er einem Sebastian Bach „ Wahrheitssinn" abspricht. Er meinte damit eben das Verstandniss der Empfmdungen , die das Herz aus dem Ver- kehre mit den Menschen schopft. Denn die Wahr- heit der Geluhle , die der Mensch zu Gott hegt, hat ja Niemand reiner und mehr mit ,?dem tiefsten Gefuhl flir den Ausdrucka ausgesprochen, als eben dieser alte Sebastian. Das wusste auch Reichardt. Wie aber nicht die Religion , sondern vor Allem die J7Kenntniss des Menschen ;" die Anschauung der Welt den Mittelpunkt des Lebens jener Zeit bildete, so konnten fiir Sebastian Bach sich auch nur diejenigen begeistern, deren Phantasie es ver- mag, sich tiber eine besondere Richtung der Zeit hinauszuschwingen in die Regionen , wo Zeit wie
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Raum verschwinden. Diese — und zu ihnen ge horte der junge Beethoven — nahmen dann frei- lich Bachs Geist tief in sich auf, wahrend Welt nad Sonst zunachst dafur sorgten ; dass sie vor- warts kamefc und auch die grosseren Geister der Zeit in ihren Ringelreihen hineinzogen. Denn das was Bach erstrebt und ausgesprochen, das besass ja jene Zeit, das brauchte sie nicht erst zu erstre- ben : die neue religiose Anschauung war mit ih- rem geistigern Erfassen aller Dinge in die Mensch- heit bereits eingedrungen. Jetzt wollte man aber auch die wirkliche Welt mit diesen freieren Augen betrachten , seinem eigenen Empfinden, das eben durch die lange Busse der asketischen Uebungen mehr entsinnlicht war, wollte man Raum verschaf- fen, sich selbst kennen zu lernen und sich selbst zu geniessen , — um damit am Ende wiederum einer rein hoheren Auffassung auch des Gottlichen zuzusteuern.
Lassen wir also zunachst auch jenen Eindruck, den Sebastian Bach auf Beethoven gemacht und dessen Bedeutung wir wohl nach dem Urtheile Je- des, der des Meisters letztes Schaffen ins Auge fasst, richtig geschatzt haben werden6, in Stille auf sein Gemtith wirken und betrachten jetzt, wie die Wogen der Zeit auch ihn vorerst in jene Bah- nen trieben, wo es gait, Welt und Menschen, Leid und Freud der Erde kennen zu lernen und in Wer- ken der Kunst zu verherrlichen, bis es dann spater
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auch seine Aufgabe ward aus diesem Treiben sich herauszuwinden und in grossen ZUgen die Resultate zu sammeln, die das Herumtreiben in der Welt gleich einer ausbildenden Schule dem ewigen Theile unsers Wesens gewahrt.
Hdren wir also zunachst was uns die Quellen ttber das Treiben seiner Kindheit berichten.
Beethoven's Erziehung war weder auffallend vernachlassigt, noch besonders gut, sagt Wegeler. Der Knabe besuchte die Volksschule und lernte dort nothdiiritig Lesen, Schreiben, Rechnen. 'Allein des Vaters Unanzielle Absichten mit ihm entzogen ihn auch diesem gewohnlichen Elementarunterricht fruher als die Regel ist. Daher konimt es, dass der Meister zeitlebens , und gewiss nieht bloss aus Un- aufmerksamkeit, mit der Orthographic in einem Kampfe war, der freilich der Schreibart des ktthnen „ Feldmars chair Vor warts" noch um ein Erkleekli- ches nachsteht, aber immer erheiternd genug ist, um uns Veranlassung zu geben, zuweilen einen Originalbrief Beethovens auch in originaler Schreib- art mitzutheilen. Ebenso ware seine Handschrift eines agyptischen Geschichtschreibers manchmal nicht ganz unwiirdig, und ich habe sogar erfahrne Autographensammler gefunden, denen manches Zei- chen dieser Hieroglyphenschrift ein vollkommenes Geheimniss geblieben war. Auch dasLesen von Ver- sen scheint unserm Meister nicht so ganz leicht von der Hand gegangen zu sein. Wenigstens fanden
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sich in seinem Nachlass inancherlei Blatter, auf die er mit hochsteigener Hand Gedicbte abgeschrie- ben und mit Zeichen der Prosodie versehen hatte, die aber in der Regel nicht richtig sind. Von der Rechenkunst des grossen Mannes, der das ,,unbe- wusste Rechnen" der Musik so aus dem Grunde verstand, wusste Schindler noch aus dem spatern Leben Beethovens manch ergotzliche Anekdote zu •erz&hleu, z. B. wie er an die hb'lzerne Fensterlade seiner Wohnung in Baden eine ungeheuere Anzahl von Zweien untereinander schrieb, um herauszube- kommen, wie viel so und so vielmal Zwei ist. Auch babe ich in seinem Tagebuch 7 aus den ersten Wo- chen des Wiener Aufenthaltes im Jahre 1792, viel- leicht zur Anschaifung, aufnotirt gefunden: ,,Schulz S. M. Elementarbuch der Kaufmannischen Rechen- kunsta und ;,VorUbungen zu Crusens Contoristen." Ein Genie darf eben mancherlei nicbt wissen, was alle Welt weiss, — meint Lessing, und wir wollen ihm nicht wider sprechen. Denn auch im Lateini- schen, mit dessen Kenntniss heutzutage jeder ho- here BUrgerschiiler renommirt; zeigt unser Meister eine ergo'tzliche Unsicherheit. Er hatte davon aber auch nur soviel gelernt, als man eben in einer ??of- fentlichen Schule" der damaligen Zeit zu lernen vermochte. Auf einem Gymnasium war Beethoven menials gewesen. Und doch hatte Max Friedrich noch vor kurzem in Bonn ein Gymnasium und 1777 aogar eine Akademie errichtet.
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Von diesen Einrichtungen aber hatte der Knabe Beethoven noch keine Vortheile, sei es well es dem Vater an den nb'thigen Geldmitteln fehlte, sei es well er die Zeit des Knaben besser fiir sich zu verwerthen hoffte, wenn er ihn ausschliesslich Mu- sik treiben liess. Kurz auch vom Lateinischen ver- stand Beethoven nur einige Redensarten, und auch spater musste ihm bei der Composition von Messen u. s. w. stets eine befreundete Hand die wortge- treue Uebertragung des Textes besorgen. 8 Die Werke der Alten aber blieben, wie wir noch er- fahren werden, ihrem ganzen Werthe nach wohl keinem Musiker jemals weniger unbekannt, als Beothoven. Ja wir werden sehen, dass er durch die stete Lecture der zahlreichen Uebersetzungen, die damals die ausgezeichnetsten Schriftsteller der Nation, ein Eschenburg, Wieland, Voss, von den iremden Klassikern machten, sich einen Fond von Bildung aneignete, der die mangelhafte Jugender- ziehung vollstandig ausglich.
Von lebenden Sprachen hat Beethoven das Franzosische bis zum fertigen Lesen und zu einer massigen Geschicklichkeit im Schreiben gebracht. Das Sprechen desselben ward ihm weniger zur mti- helosen Gewohnheit als einem Mozart, der eine lange Zeit seines Lebens auf Reisen in fremden Landern zubringen konnte. Englisch und Italienisch aber verstand er gar nicht, und wie es mit den tibrigen Fachern, die heute jeder Knabe lernt, mit
Naturwissenschaften, mil Geschichte u. s. w. in jener Zeit stand, dariiber geben die damaligen Schulbiicher ergotzliche Auskunft. Wenn noch kurz vor 1848 ein Kohlrausch Geschichte in preussischen Schulen lehren durfte, so wird es wohl um 1780 in Deutschland mit dem Geschichtsunterricht ebenso ausgesehen haben, wie Anno 1856 in Neapel, wo das Schulbuch von Sorrent noch einen deutschen Kaiser mit Namen Franz II. kannte. Die Naturwis- senschaften aber sind ja iiberhaupt erst eine Ent- deckung unseres Jahrhunderts, wenn auch vielleicht anzunehmen ist, dass in Bonn, wo Max Friedrich bereits 1769 eine Naturaliensammlung angelegt hatte, die bald an Umfang und Wichtigkeit zunahm, dieses Fach nach den Grundsatzen der Zeit als probates Mittel gegen die Dummheit der Masse betrachtet und darum besser gelehrt wurde als anderswo.
Gewiss aber ist, dass Beethoven auch hier in spateren Jahren die Mangel seiner Jugendbildung auszugleichen bemiiht war, und besonders in der Geschichte sich einen Ueberblick und eine Einsicht erwarb, die ihn wohl berechtigte mitzusprechen, wenn von der Entwickelung unseres Geschlechtes die Eede war. 9
Dass aber — und diess ist vor Allem zu be- merken — der *Unterricht Beethovens in einer of- fentlichen Schule und nicht wie z. B. bei Mozart und Gothe durch Privatlehrer geschah, gab ihm von friiher Jugend an jene Vertrautheit mit dem
Noh 1., Beethavcu's Jugend. 8
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Volke; die ihn auch die tiefsten Bewegungen der Zeit sogleich verstehen lehrte and ilm vor dem vornehmen Sichabschliessen, das einem Gothe die wahren Bedtirfnisse der Nation gar oft verhiillte, we- nigstens in der Jugend bewahrte.
Namentlich blieb der echte Volkshumor von je ein ganz besonderer Reiz, ein unterscheidendes Merkmal an Beethovens Thun und Treiben, und wer es versteht, kann selbst in spaten Werken des Meisters noch den Kb'lner Mummensehanz mit all seinen derben Tollheiten herausfinden. Auch in seinem taglichen Leben kommen hundert solcher Zilge vor, die dann von Fernerstehenden meist zu komischen Anekdoten gestempelt sind. Es ist sogar zu sagen, dass Beethoven der erste war, der das, was man Volkshumor nennt und was in der bilden- den Kunst keine Nation der Welt so unvergleichlich darzustellen gewusst hat wie die Niederlander, jene derbe Nattirlichkeit des gemeinen Daseins zum Schonen veredelt in die Musik eingefuhrt hat. Dieses Verstandniss des hochsteigenen Treibens des Volkes, von dem sich auch bei Mozart die frappantesten Ziige und bei Dittersdorf einige vortreffliche An- klange finden, gab aber unserm Meister eben der Umstand, dass er selbst ein Kind des Volkes, ja fast des geringen Volkes war, — dass er selbst frlihzeitigBeschrankung und Ktimmermss am eigenen Heerde kennen lernte und so in sich selbst die tiefe Sehnsucht ausbildete, die diese Regionen der
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Gesellschaft nach Gliick empfinden. Beethoven be- hielt eben zeitlebens ein Herz fur das Volk; ja er sollte des Volkes Bediirfniss nach besserenZustanden in einer Weise aussprechen, dass es wirklich klingt wie die alltonende Stimme des Volkes selbst. Denn es blieb stets die Grundstimmung unseres Meisters jener soziale Freiheitsdrang des Volkes, und ihn hat er sich, echt realistisch wie alle wahrhaften Genies sind, aus den Verhaltnissen seiner Zeit, ja aus den concretesten Zustanden seiner eigenen Jugend genommen. Darum wollen auch wir die Zurtick- setzung, ja die Noth seiner Jugend nicht beklagen, sondern sie als ein Mittel segnen, den hochbegab- ten Knaben zu einem Seher, zu einem Better seines Volkes zu erziehen. In Wahrheit die Noth seiner Jugend, sie ward ihm und uns zum Heil. 10
Nun aber lag doch eine Gefahr sehr nahe — und wie mancher vortreffliche Mann ist ihr schon zum traurigen Opfer gefallen! — dass namlich unter dem Druck so b'der Verhaltnisse auch das Gemiith des Knaben verharten mochte. War es doch nur der warme Sonnenschein der Liebe, der in friihster Jugend auf Manner wie Mozart und Gb'the fiel, was auch ihr Gemtith sonnig, mild und liebens- wiirdig gemacht hatte und ihnen zeitlebens jenes warmestrahlende Wesen echter Menschenfreund- lichkeit verlieh, das an ihrer Erscheinung so innig erfreut! Bei Beethoven aber konnte es ja nicht fehlen, dass die Kiimmerlichkeit der Familie und
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vor Allem der Jahzorn und die niedere Gesinnung des Vaters manch schlimme Scene herbeifiihrten, die in dem hilflosen Knaben Trotz, Erbitterung und eine betrubende Anlage zur Menschenverachtung wach- rief. Freilich horten wir, dass jedes harte Wort Uber den Vater, den er doch im Grunde geringschatzen musste, ihn emporte. Allein die milde gute Mutter besass in ihrer blossen Liebe nicht das Mittel? des Sohnes Herz auf die Dauer mit diesen truben Erfahrungen zu verso'hnen. Sie war zu wenig geistig begabt und von zu geringer Bildung, um entseheidenden Einfluss auf den Sohn zu haben. Vielmehr wird berichtet; dass sogar sie selbst, die wie jede Mutter, und dazu noch eine ungebildete, auf die Gaben und Leistungen ihres Sohnes unge- buhrlich stolz war, seine Unliebenswttrdigkeit und widerspanstige Trotzigkeit durch allzugrosse Nach- gibigkeit vermehrt habe ll. Ja selbst die Musik, die sonst so sehr geeignet ist; die edleren Empfin- duiigen der, Menschenseele, vor Allem Herzens- milde zu erwecken, vermochte diesem Knaben den schonen Dienst nur erst wenig zu erweisen. Denn nach Allem, was wir daruber erfahren, wrar ihm, dem Virtuosen, die hohe Kunst damals noch mehr Sache der Fingerfertigkeit und der spielenden Phantasie, als der wahren Herzensempfindung. Und wenn man nun obendrein mit Zwang , zu dieser Himmelstochter gefithrt wird! So finden wir in jenen jungeu Jahren weder in seiner Kunst, noch
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in seinem Wesen etwas von der schonen Gemuths- art, die den jungen Wolfgang zu einem Liebling aller Menschen machte. Vielmehr trotzig in sich hineingekehrt suchte er schon friihe in der Welt seiner unermesslichen Einbildungskraft jenes Gliick, das die Erde ihm versagte. Und er ware auf die- .jsem Wege gewiss schon damals zu jener Unzu- ganglichkeit, zu jenem ungeniessbar verschlossenen Wesen gelangt, das in spateren Jahren die natiir- liche Folge seiner unglucklichen Lebensumstande war, wenn nicht gerade jetzt, sclion zu Anfang der achtziger Jahre ia, dem heranwachsenden Knaben herzenswarme Freundlichkeit genaht, — wenn er nicht in den Verkehr mit einer Familie gekommen ware, die alle schonen Vorziige des vorigen Jahr- hunderts, wahre Bildung des Herzens wie des Geistes besass und dem fremdscheuen Knaben in liebens- wiirdiger Weise entgegentrug. Das war die Familie der Frau von Breuning, Witwe des im Jahre 1777 bei dem Schlossbrande verungluckten chur- kolnischen Hofraths Emanuel Josef von Breuning. Ueber diese Familie, von der noch manche Nachkommen leben, habe ich nicht viel mehr zu berichten, als was Wegeler mittheilt. Das ist aber geniigend, um ein Bild davon zu geben, wie sie war und was sie fiir Beethoven bedeutete. Sie be- stand damals aus einer Mutter von einigen dreissig Jahren und vier Kindern, die meist mit Beethoven von ziemlich gleichem Alter waren. Der alteste
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hiess Christoph, geboren am 13. Mai 1771 , die zweite E 1 e o n o r e Brigitte, geboren am 23* Arpil 1772, das ,,Kind Lorchen", der dritte Step ban Lorenz Joseph , geboren 1774 und der jttngste Lorenz, ,,Lenz", geboren 1777. Die Familie war lange im Besitz einer der ersten Stellen des Deutschmeister* ordens. Der Urgrossvater und der Grossvater waren bereits Kanzler desselben gewesen, und jetzt be- kleidete der Onkel, also der B ruder der Mutter, diese Stelle. Und da die Familie ohnehin wohl- habend war und als adelig und zu den hoheren Beamten zahlend, in den ersten Kreisen der Stadt sich bewegte und sogar dem Hofe, dessen folgen- der Churfurst wieder Grossmeister des Ordens war, nicht fremd blieb, so kann man sich vorstellen, dass in diesem Hause neben allem Behagen und der feineren Art des angestammten Besitzes auch die Interessen der Zeit, also vor Allem Neigung zu Kunst und jedweder Bildung herrschten. Die Mutter sorgte auf das Beste fur die Erziehung der Kinder. Sie gab ihnen auch die Dichter, die eben damals anstatt der fruher allein herrschenden Bibel und Gebetbucher zur allgemeinen Hauslecttire zu werden begannen, fruhzeitig in die Hande. So er- wachten auch frUh die Talente der Kinder,, und wahrend Christoph sich schon als Knabe in kleinen Gedichten versuchte, zeigte Stephan vorzugsweise Talent zur Musik und wurde vom Concertmeister Franz Ries zu einem vorzUglichen Violinspieler
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herangebildet, so dass er sogar spater zur Mitwirkung bei der churfiirstlichen Kabinetsmusik herbeigezogen werden konnte.*3
Vielleicht durch eben diesen Franz Ries, der um 15 Jahre alter ^als Beethoven, nach Wege- lers Angabe dessen ,,erster Beschiitzer" war, wurde der Knabe in das Breuningsche Haus ge- bracht. Konnte doch Ries selbst den ungezwungenen gebildeten Ton, der bei allem jugendlichen Muth- willen in diesem Kreise herrschte, uberhaupt das Glttck, welches Wohlstand und innerer Frieden iiber denselben ausbreitete, um so mehr schatzen, als er vom eigenen Heerde her wusste, wie schmerz- lich es ist; hausliches Wohlbehagen in mancher Weise zu vermissenj Denn sein Vater, ein Mann, ,,dessen Compositionen gute Einsicht in die musikalische Setzkunst verrathen", und dessen Solm in seiner vortrefflichen Gemuthsart auf einen eben so vor- trefflichen Charakter des Vaters schliessen lasst, musste schon seit langerer Zeit wegen einer Kopf- krankheit, die ihm geheimer Gram und ubertriebe- nes Studieren in der Musik verursacht batten, seine ungliickseligen Tage im Hospital zu Kotn verleben i4. So batten Ries .wie Beethoven Grund sich der freundliehen Aufnahme im Breuningschen Hause doppelt zu freuen.
Hier entwickelten sich denn, nach dern Berichte Wegelers, der um funf Jahre alter als Beethoven bereits 1782 wmit dem ISjahrigen jUngling, der
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jedoch schon Autor war, bekannt wurde, von da an bis zum September 1787 ununterbrochen in Verbindung mit ihm lebte, und im Jahre 1802 das ,,Kind Lorchen" heiratete, — auch bei Beethoven die ersten frbhlichen Ausbrttche der Jugend. Er wurde bald als Kind des Hauses behandelt und brachte nicht nur den grossten Theil des Tages, sondern selbst manche Nacht dort zu. Ja wenn die Familie, wie es im Sommer in der Hegel und oft auf ftinf bis sechs Wochen geschah, zu ihrem Oheim Kanzler aufs Land nach Kerpen zwischen Koln und Aachen ging, dann musste auch in der Regel Beethoven mitziehen. Dort wurde er dann haufig angehalten die Orgel zu spielen. Die Mutter, die selbst noch Jung genug war, urn fiir jede Freude des Lebens Sinn zu haben, wusste ihn durchaus an sich zu fesseln und gewann bald die grosste Gewalt tiber den oft storrischen unfreundlichen Knaben. ,,Hier ftihlte er sich denn auch frei, hier bewegte er sich mit Leichtigkeit , und alles wirkte zusammen , um ihn heiter zu stimmcn und semen Geist zu entwiekeln". 15 Hier ward ihm^auch der Sinn fiir edlere Sitte erweckt. Denn hier war nicht, wie sonst vielfach in den Familien jener Zeit, tiber die der Pesthauch der verdorbenen Hofe gar oft ansteckend hingefahren war, ausserliche Ehre und der blosse Anstand das Entscheidende im Thun und Lassen , sondern es herrschte wahre Tugend und innere Ehre. Diese Mutter dachte nicht daran,
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wie es zu jener Zcit nur zu hiiufig war und auch in dem von einer Reihe ,;damenliebendera Chur- fiirsten beherrschten Bonn gewiss nicht zu den unerhorten Dingen zahlte, die Reize ihrer Tochter nach Moglichkeit ins Licht zu setzen, dass die grossenHerren rechtenAppetit nach solchem Lecker- bissen bekamen, oder wie es auch oft genug ge- schah, ihr Kind zu schinaben, dass sie ihr Licbt so sehr unter den Scbeffel stelle, ,,da docb ihre Gorge weit und breit herum die schonste sei" 16. Diese Frau iibte in Wahrheit deutsebe Zucht und kannte weibliche Sitte. Wtissten wirs nicht aus ausdriicklichen Berichten, wir wtirden es aus der Verehrung erkennen, die sowohl der treftliche Wegeler, als vor Allem' Beethoven, der von fruhster Jugend an das strengste Sittlichkeitsgefuhl zeigte? zeitlebens diesen Frauen zollte.
Und dieser Umstand ist nicht gering anzu- schlagen in einer Zeit? deren Sittenverderbniss gross genug war7 um bald eine wahre Stindfluth beraufzubeschworen. Beethoven lernte bier eben was er zu Hause nicht lernen konnte, wahre Sitte kennen, lernte Menschenwerth und Menschen- wtirde schatzen. Hier auch lernte er, was ihm einem Manne wie seinem Vater gegenuber nicht gelungen ware, mit voller Seele an die Menschheit wieder glauben , und wir trauen seinem Biographen Schlosser 17 von Herzen gern, wenn er die Schil- dening von Beethovens Erscheinung mit den Wor-
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ten schliesst: ,,Sobald sich sein Gesicht zur Freundlichkeit auffaeiterte, so verbreitete es alle Reize der kindlichsten Unschuld; wenn er lachelte, so glaubte man nicht bios an ihn, sondern an die Menschheit, so innig und wahr war er in Wort, Bewegung und Blick."
So erkennen wir auch hier, wie mancher warme Strahl der Sonne auf die junge knorrige Eiche fiel, die im Sturm der Noth und des Unfriedens wohl die angeborne Kraft erprobte und stahlte, aber ohne den holden Schein der Liebe und edlen Sitte schwerlich zu der herrlichen Erscheinung gediehen sein wiirde, die dieser grosse Mann trotz allem Un- wirschen seines Wesens doch stets auch als Mensch bleibt.
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Sechstes Kapitel.
L iterator und Theater.
j,Die erste Bekanntschaft mit deutscher Lite- ratur, vorziiglich mit Dichtern, machte Ludwig in der Familie von Breuning/' sagt Wegeler, l und da Beethoven die mannigfachste Anregung auch aus dem literarischen ,Treiben seiner Zeit gewann und stets ein sehr eifriger Bticherleser blieb, so lohnt es sich wohl der Mtihe das Ziel des vorigen Ka- pitels weiter zu verfolgen und zuzusehen, mit wel- chen Producten der Literatur er zunachst bekannt wurde. Freilich sind die Nachrichten auch dariiber ziemlich sparlich. Allein wir konnen aus manchen llmstanden schliessen, dass Beethoven ungleich mehr als Mozart sogleich in der Jugend von den
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besten Schopfungen der Nation in diesem Felde Kenntniss erhielt. Und weiss nicht ein Jeder aus der eigenen Jugendgeschichte, wie sehr unsere ge- sammte Geistes- und Gemlithsrichtung durch die Lecture der Dichter bestimmt wird, wie sehr wir aus ihnen unsere Ideale bilden!
Freilich die meist gelesenen Poeten jener Ta- ge waren noch Gellert, Weisse und Compagnie 2. Aber schon diimmerten am Horizonte auch der Menge die glanzenderen Sterne eines Lessing, Herder nnd Klopstock auf und eroffheten einen weitern Blick Uber die unabsehbaren Gefilde des Seins, ein tieferes Schauen in die ewigen Dinge da droben. Was vor alien Andern zu jener Zeit Klopstock gait, wie besonders der Messias ,,weit in das Jahrhundert seines Entstehens hinein, seine die Seelen losende und das Gefiihl entbindende Kraft bewahrte," erfahren wir aus so mancher Le- bensbeschreibung jener Tage, vor Allem aus ,,Wahr- heit und Dichtung^. Auch der kraftgenialische Schu- bart? der noch in den siebenziger Jahren zu Augs- burg mit dem Vortrag des Messias so grosse Er- folge erzielte, berichtet: ,,Mit jedem neuen Gesange mehrte sich meine Zuhorerschaft ; der Messias wurde reissend aufgekauft, man sass in feierlicher Stille um meinen Lehnstuhl her, Menschengefiihle erwachten, wie sie der Geist des Dichters erweckte, man schauerte, weinte und ich sahs mit siissestem Freudegefiihl im Herzen, wie oifen die deutsche
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Seele fur jedes Schone, Grosse und Erhabene sei.'< Zu gleicher Zeit las ein Anderer, der nachher auch ein hervorragender Mann wurde, der bekannte Kationalist Paulus, auf der Klosterschule zu Blau- beuern in heimlichenDammerstunden auf seiner Zelle das Gedicht ,;mit gedampfter Stirnme" einem Mit- schiiler vor, ,,abwechselnd ganz Entzucken und ganz Schauder". 3 Und wie erst niuss diese Poesie einen Beethoven entflammt haben, der ja wie kein Anderer die ganze Ueberschwanglichkeit des Ge- ftihls und die Tiefe der Phantasie, womit jener Dichter die Menge aus Trivialitat und Genusssucht zu Kraft und Natur, zu edlerem Dasein aufrief, selbst besass und dazu eine Kunst iibte, die we- sentlich nur Phantasie und Gemiith beschaftigt! Wir haben ein unmittelbares Zeugniss dariiber, was Klopstock fiir Beethoven bedeutete.
Als Friedrich Rochlitz, der liebenswiirdige feine Mann und Kenner der Kunst, der seine lebhafte Einbildungskraft leider nur zu haufig anwandte, um einfache Thatsachen mit dem reichen Farbenschmuck der Poesie fast bis zur Entstellung zu umkleiden, — im Jahre 1822 bei Beethoven in Wien war, erzahlte ihm dieser von seinem Umgang mit Gothe im Jahre 1811 in Carlsbad und sagte dabei (nach Rochlitz) Folgendes: ,,Seit dem Carlsbader Sommer lese ich im Gothe alle Tage — wenn ich namlich uberhaupt lese. Er hat den Klopstock bei mir todtgemacht. Sie wundern sich? Nun lachen Sie? Aha, daruber
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dass ich den Klopstock gelesen habe! Ich habe mich jahrelang mit ihm getragen; wenn ich spa- zieren ging, und sonst. Ei nun : verstanden hab' ich ihn freilich nicht tiberall. Er springt so herum; er fangt auch immer gar zu weit von oben herunter an; immer Maestoso! Des Dur! Nicht? Aber er ist doch gross und hebt die Seele. Wo ich ihn nicht verstand, da rieth ich doch — so ungefahr. Wenn er nur nicht immer sterben wollte! Das kommt so wohl Zeit genug. Nun: wenigstens klingt's immer gut." *
Auch Neefe hatte eine unbegranzte Verehrung fiir Klopstock und setzte mit Vorliebe seine Ge- dichte in Musik. Wie man sich denn zu jener Zeit mit der Composition dieser iiberschwanglichen Poesie tiberhaupt viel beschaftigte, weil sie uberall so nahe an die Musik heranstreift, ja oftmals ganz in Klin- gen und Hallen iibergeht! So sagt Marx mit Kecht von Beethoven, dass dem dunklen Drange seiner Jugend wohl kein Dichter naher verwandt war als Klopstock und dass sich noch spat der Hauch jener erhabenen Ueberschwanglichkeit, der Wort und Gedanke bisweilen zum blossen Hall und Schall des Unaussprechlichen werden, durch Beethoven's Modulation und Instrumentation hindurchzieht. 5
Allein schon damals fanden auch sowohl Schiller wie GSthe den Weg zu Beethovens Herzen, sei es dass Neefe, der sich stets mit den neuesten Scho- pfungen der Zeit in Literate und Musik bekannt
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' machte, 6 dieselben auch seinem Schiiler, um dessen Entwickelung er sieh in jeder Weise annahm, mit- theilte, sei es dass die grosseren und wahrhaft ziindenden Schopfungen unserer Classiker auch auf dem churftirstlichen Theater in Bonn schon damals gegeben wurden. Ueber diesen wichtigen Punkt mtissen wir uns jetzt naher unterrichten.
Es ist bereits gesagt worden, dass im vorigen Jahrhimdert Musik und Literatur den Mittelpunkt des geistigen Lebens ausmachten. Und zwar ist es bei beiden das Dramatis che , was den Kern der Bestrebungen bildete. Es wollten dieMenschen sich eben selbst in ihrem aussern und innern Gebahren erblicken, und wie konnte diess lebensvoller, un- mittelbarer, sprechender geschehen, als wenn man sie direct vor den Augen reden und handeln liess ! Daher ist denn auch sogleich das erste bedeutende Erzeugniss der Beweguug der Geister im Refor- mationszeitalter ein dramatisches Genie. Was aber Shakespeare im Vorgange der Spanier auf dem Gebiete des Dramas bedeutete, sollten nach dem Vorgang der Italiener spater die Deutschen, vor allem Mozart in der dramatischen Musik erreichen. Nicht bloss die Italiener, obwohl sie es waren, die auch in der Musik zuerst die wahrhaft sprechenden Accente fanden, sondern alle europaischen Vb'lker zeigten fortan auch in der Musik das Bestreben, moglichst die lebendige Rede zu gewinnen: die Melodie wurde allmalig das getreue Abbild der
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personlichsten Sprache des Menschenherzens. Selbst Sebastian Bach, obwohl er wesentlich nur die Po- lyphonic des Mittelalters annahm und sie durch Hinzuthun einer reichen Harmonie zur Vollendung erhob, selbst er zeigt in so manchen seiner Weisen, ja sogar in seinen Choren den grossen Einfluss des^dramatischen Lebens seiner Zeit 7. Sprechender aber durch die Nachbildung des Rhythmus der na- tiirlichen Menschenrede waren bereits Handels Me- lodien; denn Handel war zugleich Operncomponist gewesen. Darum lehnte sich an ihn auch der Fort- schritt der Musik ungleich unmittelbarer an, als an seinen grossern Zeitgenossen, dessen tiefste Wir- kung einer spliteren Epoche vorbehalten blieb. Die wahre Declamation aber, die einer Melodie das direct Verstandliche menschlicher Rede gibt, land erst Gluck, in dem Grade wenigstens, dass man von classischer Vollendung reden darf. Und es ist wohl zu bemerkeu, dass er? der in Italic n gelernt und selbst Handel noch personlich gekannt hatte, dennoch die eigentliche Aiiregung seines Bemtthens und den Kern seines Schaffens in der dramatischen Kunst und zwar des Volkes gefunden hatte, das eben zu lebensvoller Recitation die meiste Begabung besitzt und auch damals am weitesten darin vor- angeschritten war, bei den Franzosen.
Es ist nach ineiner Ansicht niemals geiiilgend hervorgehoben worden, dass wie die Musik iiber- haupt ein von der Sprache abgeloster und zu selbst-
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standiger Bedeutung erhobener Theil ist, so vor allem die Erfindung der Oper und damit die Ent- wiekelung der gesammten modernen Tonkunst von der dramatischen Declamation ausgegangen ist, ja dass die Ausbildung der Melodic, das Entscheidende der neueren Musik, sowohl nach Rhythmus und Accentuation wie nach Tonfall von der Kecitation des Dramas angeregt ist. Was Gluck mit seiner dramatischen Musik dann wieder auf die reicheren und echteren Musikanten , einen Haydn und Mozart wirkte, — wie deren Melodien, selbstdie Instrumentalmelodien, das lebendig Redende durch- aus vom Drama entlehnt haben, ist ebenfalls nie genug betont worden. * Diese Meister freilich konn- ten sich auch bereits unmittelbar besten Rathes er- holen bei den dramatischen Aufftthrungen, die da- mals auch in Deutschland schon in hoher Blti- the standen ; und eine genaue Untersuchung miisste nachzuweisen im Stande sein; was vor Allem Mo- zart durch fortwahrenden Besuch der Nationalschau- buhne im Burgtheater ftir seine eigenen Opern ge- lernt hat. Wer Ohren hat zu horen; der wird oft- mals aus einem ,,Don Juana gar lebhaft dasselbe herausklingen horen? was eine ,,Emilie Galotti" aus- zeichnet Man besass ja damals auf der Biihne in Wahrheit jenen echten Ton der tragischen Decla- mation, der heute fast ganz von den Brettern ver- schwunden ist. Man schrieb den Ruhmdieser Erfindung der grossen Schauspielerin Caroline Neuberin
No hi, Beethoven's Jugead. 9
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zu; und es dehnte sich dieselbe auch bald auf die dramatische Musik jener Tage aus, freilich anfangs wie z. B. in des ,,Herrn Scheibe Verbesserung der theatralischen Musik/' nur sehr langsam. 9 Allein es bildete sich; vor Allem in Norddeutschland neben dem vortrefflichen Schauspiel doch alhnalig eine Schule wirklich dramatischer Rede und deutlich sprechender Recitation auch in der Musik aus. Wir brauchen bloss an die Namen Killer, Schweitzer, Stegmann zu erinnern. Ja bald gewann man auch hier sogar jenen echten Ton der tragischen Declamation, den Italiener wie Franzosen nur halb hatten aus- bilden konnen. Neben Gluck, dessen Reformen und Fortbildung eben durch seine classischen Werke jedembekanntsind, muss die gerechte Geschichte auch einen Georg Benda mit seinen Melodramen ver- zeichnen, die selbst Mozart zumStudium bentttzte. 10 Ebenso aber lehnte sich die komische Oper mit ihrer leichteren, natiirlicheren, eigentlich decla- mationslosen Sprache durchaus an das damals rasch aufbliihende Lustspiel an. Wie in diesein Felde die Franzosen die besten Dichter aufzuweisen hatten, so war ihnen attch die Operette am ersten zur Voll- endung gediehen, und sie versorgten lange Zeit ganz Deutschland mit ihrem Vorrath, bis dieses allgemach ein eigenes Singspiel gewann. Beide, Operette und Singspiel kamen dann so sehr in Auf- nahme, dass bereits um 1780 geklagt wird: die \ Operette scheme leider das w a h r e Schauspiel
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fast verdrangen zu wollen; bei den ersten Vorstel- lungen ernes Trauer- oder Lustspieles sei es nie so voll, wie es vielleicht bei der zwanzigsten einer Operettesei. J1 Gleichwohl zeichneten sich die sammt- lichen Theater - Gesellschaften, besonders Nord- deutschlands zu jener Zeit durch unermudliche Auf- fiihrimg aller moglichen Dramen aus. Und welche Zeit war das! Es warden ja damals die classischen Werke unserer Literatur geschaffen. Und welche Schauspieler lebten damals! Ein Eckhof, Acker- mann, Schroder, Brockmann! Und Lessing schrieb seine Dramaturgic ! Es ist gar nicht zu bezweifeln, dass es dies em steten Genuss einer vortrefflichen Schauspielbuhne, wie sie Hamburg, Leipzig, Berlin, Mannheim u. s. w. damals besassen, zuzuschreiben ist, dass dort zunachst auch die deutsche Musik zum dramatischen Leben gedieh — dass einPhilipp Emanuel Bach, der ja ein Freund der Dichter und Schauspieler war und zur Bliithezeit des Theaters in Hamburg weilte, vom Drama zuerst lernte, wie le- bensvoll charakteristische Musik auch ftir blosse Instrumente zu schreiben sei. J2 Von ihm iiberkam dann diess Geheimniss ein J. Haydn und hundert Andre. Dass aber bei Haydn die musikalische Sprache noch nicht zu der wirklich redenden Dra- matik gelangte wie bei Mozart, dessen Opernme- lodien sogar auch ohne Text vollkommen verstand- lich reden, war zum Theil Folge davon, dass er, obwohl sich in Esterhazy eine italienische Truppe f
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befand, fur die er sogar selbst Singspiele schrieb, doch eben nicht Gelegenheit hatte, von Jugend auf die grossen dramatischen Schopfungen unserer Li- teratur auf der Btihne zu sehen, 1S Auch Johann Friedrich Keichardt lernte vom Drama jene voll- endet richtige Declamation, die seine Lieder vor alien anderen auszeichnet, und legte schon frtih die Keime, die im heutigen Musikdrama so charakte- ristisch aufgingen, — Beweise genug, wie sebr man bei Betrachtung der Entwickelung der Musik fortwahrend das Drama im Auge behalten muss.
Wer aber hat es innerhalb der reinen Instru- mentalmusik weiter gebracht in Ausbildung der Me- lodie zur allerredendsten Sprache , als eben Beet- hoyen ! Wer anders hat auch so sehr jene gross- artige Architektonik in seinen Instrumentalwerken, jenen wunderbar gewaltigen Grundrhythmus des Ganzen, den in seiner seelenbewegenden Macht vor Allem Shakespeare, im Ko'nig Lear zeigte ! Sind nicht auch Beethovens Symphonien wahrhaft dramatische Gemalde, Darstellungen der grossen Kampfe des ein- zelnen Menschen wie der Menschheit, und zwar stets in personlichster Rede, in vollkommen leben- diger Gegenwart der handelnden Personen ! Diese Dinge, die Jeder weiss, der Beethoven kennt, sind genugend, um in der Entwicklungsgeschichte seines Geistes auch ganz besonders zu untersuchen , in wie fern ihm die dramatischen Leistungen seiner Zeit lebendig entgegengetreten sind. Zum Gliick
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sind wir auch zur Geniige dariiber unterrichtet, was der geistvolle Grossmann mit seiner Truppe in Bonn auffiihrte. Freilieh besitzen wir keine Nachricht dariiber, ob und welche Stticke Beetho- ven damals wirklich sah. Aber wird er aussen ge- blieben sein, wenn ein ordentliches Stuck gegeben wurde? Auch wirkte ja sein Vater. der Hofte- norist, zuweilen mit, 14 und es ist moglich, dass selbst der Sohn , wie es uns vom Jahre 1789 an aus- driicklich berichtet wird, auch bereits als Knabe an der Bratsche mitspielte ; es war ja zu Max Fried- richs Zeiten gerade kein Ueberfluss an Instrumenta- listen vorhanden. Dann aber hatte Beethoven die dramatischen Werke der Zeit schon fruh und zwar auf das Genaueste kennen gelernt, und wir werden sehen, dass ihrer eine stattliche Reihe ist.
Zunachst Lustspiele von Sedaine, Goldoni und Gozzi, die von Grossmann, der selbst der- gleichen Stucke und zwar vielgegebene schrieb, sicherlich so ubersetzt waren , dass das Pointirte, Klar-lebendige und Anmuthige ihtes Styles deut- lich hervortrat. Dieselben Vorziige leuchteten aus Philidor's, Monsigny's und vor Allem Gretry's Operetten hervor , die ebenfalls meist Grossmann und zwar in Verbindung mit Neefe tibersetzte. Das Ansprechende der Melodien Gretrys , der als ein geborner Belgier die Art der franzosischen Sprache und der darnach gebildeten Volksweise aus dem Grunde verstand und durch langereh Aufenthalt in
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Italien auch die rein nach musikalischen Gesetzen gebildete italienische Melodie kennen gelernt, ja mit kunstlerischer Absicht studirt hatte, musste ge- gen den Zopf, der damals dem Deutschen wie in Leben und Sprache so in der Musik anhing, fur jedes kiinstlerisch angelegte und gebildete Ohr ein wahres Labsal sein. 15 Dazu kamen die Intermezzi und Opere buffe eines Galuppi, Guglielmi, Paisiello und Cimarosa; sodann die drama- tischen Versuche eines Bretzner, des Dichters der ,,Verfiihrung aus dem Serail," eines Stephanie, der diesen Text fiir Mozart zurecht machte, Weisse, Mylius, Iffland, G otter u. s. wv die ebenfalls das Ziel batten, der deutschen Sprache die Leich- tigkeit der Franzosen, das dramatische Leben der Italiener und die tragische Wiirde zu geben ; die man aus dem vielfach iibersetzten Shakespeare schon kannte. Spuren von tieferem Geftihl", von Wahrheit der Stimmung und echt dichterischem Verstande zeigen sowohl die Lust- und Schauspiele wie die Trauerspiele dieser Manner. Und wenn es auch ein Iffland iiber die Kuhrung und biirger- liche Moral nicht weit hinausbrachte, so liegt doch so viel Wahrheit in ihm7 dass manches seiner Stticke noch heute lebt. Vor Allem aber bewiesen diese Manner Biihnenverstand und deuteten dem Ktinstler an, wie die Sachen einzurichten seien, um die gehorige Wirkung zu thun.
Von der Bedeutung der deutschen Versuche
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in der dramatischen Musik 1st das Nb'thige bereits gesagt worden. An Singspielen waren auf der Bon- ner Btihne unter Anderm Neefe's ??Heinrich und Lyda;" die 7,Apotheke" und ,,Adelheid von Velt- heim"; dann von Keichardt die ,,Ino" und von Neefe die 7?Sophonisbe," welche Melodramen man mit dem Worte 7,musikalisches Drama" bezeichnete ; ferner Singspiele von Schuster, dem Bonner Haupt- mann d'Antoine, Deller und vor Allem von G. Ben da, dem ersten deutschen Musiker, der eine wirklich tragische Macht in seinen Compositionen zeigt. 1<r Auch flndet sich Holzbauers 7?Giinther von Schwarzburga auf dem Repertoir von 1782 , jener erste hervorragende Versuch einer deutschen Oper, von dem man riihrnte, dass er nicht bloss im Allgemeinen gerathen sei, sondern dass weder der franzosische noch der italienische Geschmack darin herrsche , der Componist vielmehr 7?wahre deutsche originelle Gedanken darin angebracht habe.a Mozart , der sie sogleich nach seiner An- kunft in Mannheim sah, berichtet am 16. Novem- ber 1777 seinem Vater : ,,Die Musik von Holz- bauer ist sehr schon ; die Poesie ist nicht werth einer solchen Musik. Am meisten wundert mich, dass ein so alter Mann wie Holzbauer noch so viel Geist hat, denn das ist nicht zu glauben , was in der Musik fur Feuer ist." "
Auch Gothe's 77Claudine von Villabella," die von verschiedenen Componisten in Musik gesetzt
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ist, Salieris ,,Zemire und Azor," die ,,tragische Oper" Araiida von Gluck sind verzeichnet und vor Allem Mo z arts ,,Entfiihrung aus dern Serail," die eben alle Vorzuge der bisherigen Bestrebungen in sich vereinigte und in Wahrheit die reife Frucht vom Baume schiittelte. 18.
Einen gleich tiefen Eindruck wie dieses schonste deutsche Singspiel auf das musikalische Traumen des Knaben Beethoven hervorgebracht hat, machte auf sein Gemuth ebenso unzweifelhaft die Auffiih- rung von Stiicken wie Minna von Barnhelm, Emilie Galotti, Clavigo, Fiescp, Kabale und Liebe, die ebenfalls schon damals uber die Bretter der churfurstlichen Btihne gingen. Hier wehte mit packender Lebendigkeit den aufkeimen- den Genius etwas von dem neuen Geiste an, des- sen Prophet er selbst in so erhabener Weise werden sollte. Auch die Sprache dieser Dramen musste mit ihrer Klarheit , schlagenden Kraft und inneren Wahrheit ganz anders auf seine Phantasie einwir- ken , als Trauerspiele von Voltaire oder auch Lustspiele von M o 1 i e r e , die ebenfalls auf dem Grossmannschen Repertoir nicht fehlten. Das wa- ren die echten Accente des Herzens , das waren jene unlaugbar aufrichtigen Ausbriiche des tiber- fullten Inneren, die das in sich hineingekeilte Ge- mtith des Dichters aus sich hervorsprudelte. Und bedenkt man, dass dazu noch die ,,Ra'uber" ka- men, 19 so ist zu begreifen , wie Beethovens Herz
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schon frtih gltihte fUr Menschenrecht und Freiheit Seine Melodien sollten denn auch schon bald etwas von der realistischen Kraft eines Lessing verrathen, von der reinen Innerlichkeit Gothes und vor Allem von dem hinreissenden Schwung seines Geistesbruders Schiller.
Auch nachdein nun in Folge des Todes von Max Friedrich wegen der Hof- und Landestrauer das Hoftheater einstweilen geschlossen und die ,,Hofschauspielergesellschaft" sogar entlassen war, weil mit dem neuen Herrn kein Contract zu Stande kam , blieb doch Bonn nicht ohne BUhne. Viel- mehr besass die neue Gesellschaft, die Max Franz flir den nachsten Winter engagirte und an deren Directeur er alles zusammengenommen tausend Dukaten gab, die Bohmische, die bisher in Dtts- seldorf, Koln und Aachen gespielt hatte, sogar ein ungleich bedeutenderes Repertoir als Grossmann. Zu Lessing , Gothe und Schiller kam nun noch Shakespeare hinzu, und zwar werden ausdruck- lich ,,0thelloa und ,,Richard der Zweite" genannt. Auch Beaumarchais' Mariage de Figaro ou la folle journee, das damals sowohl durch seinen pikanten Styl und seine ausserst lebendige Anschaulichkeit wie durch die riicksichtslose Art, womit es die Schandlichkeiten der damaligen haute volee , das heisst des Adels geisselte, ein unerhortes Aufsehen machte ; wurde von dieser Gesellschaft aufgefuhrt. Sodann waren auf Bohm's Repertoir, und das ist
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von Bedeutung, Gluck's ,,Alceste" und ,,0rpheus und Euridice," also das Neueste und Bedeutendste, was die Zeit kannte und was bald eine formliche Kevolution in der gesammten Musik machte. 20 Auch Sarti's ,,Fra due litiganti," wodurch seinerzeit dem Figaro von Mozart Concurrenz gemacht wurde und woraus er selbst dann wieder, urn sich zu rachen, im Don Juan eine Melodie zur Tafelmusik seines Helden fur die Harmonic arrangirte und auf diese Weise unsterblich machte, — ferner Salieri's schlechtes deutsches Singspiel ,,der Rauchfangkeh- rer" und Paisiello's vielgeruhmter ,,R6 Teodoro," dessen Text da Ponte zugleich mit dem des Don Juan verfertigt hatte, finden wir aufgezeichnet, — wahrlich ein Repertoir, so mannigfaltig und so be- deutend; wie es nur gewunscht werden kann , urn einen jungen Kunstler recht mitten in die gesamm- ten Bestrebungen der Zeit zu ftthren. 21 Dazu kam aber noch, dass diese Gesellschaft, die wochentlich dreimal spielte und aus einem ?,ansehnlichen Per- sonalea bestand, 7,in Absicht der Operette, wo nicht wegen ganz vorzuglichen Gesanges , doch wegen ihres fermen Studirens, Accuratesse in der Musik und der durch beide vermehrten Harmonie (besonders in Choren) sich mit den ersten Trup- pen Deutschlands messen konnte." ,,Ja in Absicht des Ensembles, fahrt der Referent fort, hatte ich schon lange keine bessere gesehen." 22
Leider aber fehlen uns, was bei Mozart so
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sehr interessant 1st, wie gesagt durchans alle Aeus- serungen Beethovens tiber diese Jugendeindrucke. Er hatte eben keine Veranlassung wie Mozart; der aus der Fremde fortwahrend seinem Vater genau berichten muss , sich iiber dergleichen schriftlich auszusprechen. TJnd ob er es spater miindlich ge- than , ist uns nicht iiberliefert. Entweder dachte keiner seiner Freunde daran , den Meister nach diesen Dingen zu fragen, oder es war ihm selbst wie das Schindler so haufig angemerkt hat, die Erinnerung an jene Jugendeindrucke entschwunden, Er speculirte ja wenig daruber oder sprach docb nicht davon ? wie es denn eigentlich gekom- men, dass er selbst zu den hochsten Hohen der Kunst gelangte. Er war sich nur der angebornen Schaffenskraft bewusst? nicht auch all der tausend Zuflusse , wodurch dieselbe zu einem machtigen Strome angeschwollen / und nicht wie sie durch hauh'ges Anschauen bedeutender Vorbilder zu der Sicherheit gediehen war , die inn das Vollendete schaffen Hess. Allein des Biographen Aufgabe ist zu erforschen , wie der Kiinstler allmalig zu dem geworden, was er ist. Die Bekanntschaften mit grossen Werken der Kunst aber sind die eigent- lich bedeutenden Ereignisse in dem Leben eines Kunstlers ; das Andere ist meist zufallig, ausserlich und auf sein inneres Leben von wenig Einwirkung. Nach 1786 wurde die Bohmische Gesellschaft; zu der ubrigens auch der vielgeruhmte Komiker
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Lux, der uns noch dfter begegnen wird, zahlte und zwar mit ,,ernsthaften und komischen Vatern, Wirthen im Singspiel, Nebenrollen in Lust-, Schau- und Trauerspiel ," wieder durch Grossmann ver- drangt, der sich von der Theaterunternehmung in Mainz und Frankfurt getrennt hatte und mit dem Hamburger Klos vereinigt seine ,,edlen und ko- mischen Vater, Pedanten und Juden" abwechselnd wieder in Ko'ln, Bonn und Dusseldorf vorfuhrte. Er brachte schon damals aueh den ,,komischen Be- dienten-Macher" Spitzeder mit nach Bonn. Es seheint diese Gesellschaft uberhaupt jetzt vom Neuen einen bedeutenden Aufschwung genommen zu haben. Der Churfiirst von Pfalzbaiern gab eine betrachtliche Summe zur Anschaffung von neuen Decorationen , die der Maler Beckenkam in Bonn verfertigte. Auch wurden jetzt in die dramatischen Vorstellungen 7Jmusikalische Akademiena eingereiht; wie denn unter An derm einmal der AuffUhrung von ;,Emilie Galotti" eine Cantate ,,Lessing" von Georg Benda voraufging. Im Uebrigen aber behalt das Repertoir die gleiche Mannigfaltigkeit und Bedeu- tung wie fruher.23
Doch wir sind hier unvermerkt bereits in eine Periode eingetreten, wo unser Held schon das halbwache Traumen der Knabenzeit verlassen und jenes Dammern und Ahnen begonnen hatte, das wie in der Natur so im Menschengemuth dem yollen Erwachen vorausgeht. Und in dieser Periode sollte
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denn auch das geistige Leben der churftirstlichen Residenz zu einer Bedeutung aufbliihen, die ihm, wenigstens in Theater und Musik, eine fast eben- biirtige Stellung neben den Konigsstadten einraumte. Dagegen wird dann freilich alles was zur Zeit Max Friedrichs fiir das Kunstleben Bonns und fiir die Ausbildung Beethovens geschah, gering erscheinen. Allein es war doch eine gute Vorbereitung fiir das Grossere, das jetztgeschehen sollte. Darum wollenwir es ,,unserm wahrhaft guten alten Churfursten," wie die Madame Neefe in der Biographic ihres Mannes a* Max Friedrich nennt, als gutes Werk gern anrech- nen und ihm, der am 15. April 1784 im Alter von 75 Jahren das Zeitliche segnete , mit Freuden wiinschen, was wenige Jahre vorher einer seiner Verehrer in einer Geburtstagsrede auf der Btihne a5 emphatisch gesprochen hatte:
Ftirst! vom Himmel erfleht, lange noch Herrscher und Vater des unter Deinem Scepter Gliicklichen Volks zu sein! — nimm die zartlichen Geliibde Deiner Kinder — nimm fiir Deine Sorgen Ihren Dank, — bis spat zu jenen gliicklichern Gefilden Deine Thaten Dir folgen — Durch die Reihen seliger Geister hellleuchtend Dich fiihren, — jede zur Seite Dir steht, Wenn hoherer Lohn dort vom Throne Des Unerschaffnen ewig Dich kronet!
Wenige Wochen vorher, am 15. Februar, hatte noch unser Ludwig van Beethoven bei Serenissimo um Adjunction bei der Hoforgel und ?;mildest bei-
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zulegender Zulage" suppliciret und der Obristhof- meister Graf Sigismund von Salm-Reiffen- stein hatte diese Bittschrift ?,ohnverhalten unter- thanigst zu gehorsamster Befolgung" befiirwortet, well des Supplikanten Vater bereits 29 und Gross- vater in die 46 Jahre am churfiirstlichen Hofe ge- dienet und Supplicant ,,nach vorgegangener genug- samer Erprtifung und gefundener sattsamer Fahig- keit bei oft uberkommender Abwesenheit des Or- ganisten Neefe bald zu der Comodienprob bald sonsten die Hoforgel ohnehin ofters tractiret habe und fiihrohin tractiren werde". 26 Allein die chur- fiirstliche Kanzlei hatte, ohne Zweifel auf Befehl des Herrn? den 29. Februar dazu vermerkt: ,,Be- ruheta. Jetzt aber beruhete der alte Herr selbst und musste Beethovens Gesuch dem Nachfolger Uberlassen. Seine Leiche wurde am 25. Mai auf Befehl des neuen Churfursten unter unermesslichem Geleite nach der heiligen Stadt Coin gebracht und dort im Dome begraben, wobei Peter Anth seine denkwiirdige Leichenrede hielt. Und da auch sein alter getreuer oder auch ungetreuer Staatsminister Richelieu - Mazarin - Belderbusch bereits im Januar desselben Jahres 1784 in ein besseres Leben, wo es fur beide nichts mehr zu regieren gab, voraus- geeilt war, 27 so konnte fortan ein ganz anderes Kegiment beginnen, und wir werden sehen, dass dasselbe ein solches war, unter dem das kolnische Land in der That seine schonste Zeit verlebte und
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auch ein Beethoven diejenige Entwickelung fand, die ihm die Bahnen des Genius ebnete. Ja wir werden er- kennen, dass sosehr auch die Yerhaltnisse, unter denen der Knabe bisher gelebt, von einer nicht ge- wohnlichen Gunst fur die Entfaltung seiner Gaben war, - - wie denn ein Lehrer wie Neefe und die fruhzeitige Bekanntschaft mit den grossten Werken der Kunst als ein hohes Gltick fur Beethoven be- zeichnet werden muss, — doch diese Gunst der Umstande in der Periocle, wo die Entwiekelung des Menschen sich entscheidet, ungleich grosser, ja so gross war, dass man sie dem ungewohnlichen Mass seiner Naturbegabung vollkommen gleich er- achten kann. Hatte die Zeit von Max Friedrich in Beethoven den Musikanten recht tuchtig ge- schult, so sollte die Zeit von Max Franz in ihm den Menschen, wie den Kiinstler zur ersten schonen Bltithe bringen.
Zweites Bueh.
DAMMERUNG.
1784—87.
Kohl, Beethoven's Jugend.
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Siebentes Kapitel.
Maximilian Franz.
Wohl 1st es ein freundlicher Anblick einen edlen Fiirsten zu sehen, und doppelt erquickendin einer Zeit, wo der ,,despotismo illustrado" eine so grosse Menge von wahren Sultanen, besonders in Deutschland, grossgezogen hatte. Max Franz war ein solch edler, ein weiser und guter Flirst, und es gehort zu den schonsten Pflichten meiner Ar- beit sein Bild im Gedachtniss der Nachwelt aufzu- frischen und neben die Gestalt eines hohen Herr- schers im Reich des Geistes einen wahren Vater des Volkes zu setzen. Denn mit diesem Namenist wohl ein Mann zu beehren, dem es nicht genug gethan dtinkte, wie sein Vorganger hb'chstens in Tagen der Noth sich den Bediirfnissen des Volkes
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mit wohlthatiger Hand zu nahen, sondern der es flir die ho'chste Aufgabe eines Herrschers Melt, die Menschen denken zu lehren, der also die ur- alten Uebel unsers Geschlechtes an der uralten Quelle zu fassen und durch Hervorbildung der un- terscheidendenEigenschaften desMensehen seinVolk weiser, besser, gliicklicher zu machen strebte.
Maximilian Franz von Oesterreich war der jtingste Sohn Maria Theresia's und hatte die hen-lichen Eigenschaften dieser seltenen Frau bis auf die kb'rperliche Aehnlichkeit geerbt. Auch ihn zeichnete bewundernswerthe Schonheit aus. Das gross e blaue Auge, die hohe Stirn, die offene einneh- mende Miene und der zartrothe Schein, der dem deutschen Gesichte etwas so Idealisches gibt, jenes Durchscheinen des Blutes durch die weisse Haut, — alles hatte Maximilian wie seine Mutter. Seine Nase war sanft gebogen, der Mund wohlgebildet, das Haupt leicht mit Haaren bedeckt, und seinem Auge wird in gleicher Weise wie Freundlichkeit ein imponirender Ernst, ja ein durchdringender Adlerblick zugeschrieben. *
Er war am 8. Dezember 1756 geboren, und da er friihzeitig die glticklichsten Anlagen verrieth, ,,hell sehenden Verstand, Witz? Scharfsinn," so ward seine Bildung in der sorgfaltigsten Weise betrieben. Im achtzehnten Lebensjahre besuchte er mit dem Grafen Rosenberg, spaterem Oberstkammerer, der auch in Mozart's Lebensgang eine Rolle spielt,
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Deutschland, Frankreich und Italien und entwickelte auf diesen Reisen seine Gaben so sehr, dass er nach der Ruckkehr sogleich der Liebling des Hofes wie der ganzen Kaiserstadt wurde. ,,Ueberall ge- fiel und interessirte er durch sein edles Herz, durch seine Einsichten, durch die Unbefangenheit, womit er sich stets der herrschenden Stimmung seiner schonen Seele iiberliess, durch das kluge und be- scheidene Betragen, das er besonders wahrend der Zwistigkeiten Josephs mit seiner Mutter zeigte, und durch sein reizendes Aeussere. Eine anmuthsvolle Jugend, geschmuckt mit der Blttthe der Schonheit und der Blume der Gesundheit, ein Antlitz voller Geist, ein Blick, worin Liebe und Ernst sich ver- mahlen."
Als jiingster Sohn des Kaiserhauses war er anfangs dem Kriegsstande bestimmt gewesen und focht im bairischen Erbfolgekrieg 1778 dem Kaiser Joseph ruhmlichst zur Seite. Allein ein unglucklicher Sturz mit dem Pferde, der eine starke Schwache am linken Knie zur Folge hatte, bestimmte die Mutter, ihn dem geistlichen Stande zu widmen. Doch bedang sie sich ausdriicklich aus, dass er so- gar zehn Jahre nach Eintritt in denselben noch die Moglichkeit zur Heirath behalten dUrfe. Man be- trachtete schon fruh das Erzbisthum Coin als eine Dotation fur Maximilian, und in der That gelang es, wie wir schon vernahmen, besonders den ange- strengten Bemuhungen des Ministers Belderbusch die
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Absicht des Wiener Hofes selbst gegen den Willen Friedrich des Grossen, der so nahe bei Belgien einen osterreichischen Prinzen nicht dulden wollte, durchzusetzen. Maz Franz ward bereits im Jahre 1780 zum Coadjutor des Erzbischofs von Co'ln und Furstbischofs von Mtinster erwahlt. Sofort reiste er in seine ktinftigen Lande und befolgte den Rath seiner Mutter, durch vb'llig gleiche Behandlung Aller den Parteizwist, der allerdings sehr lebhaft aufge- regt war, zu ersticken. ,,Er unterschied mit Aus- zeichnung jeden Mann von Verdienst und behan- delte Belderbusch auf eine Art, dass dieser nicht hoffen durfte, untar der kiinftigen Regierung seinen Einfluss zu behaupten. Durch dieses Betragen ge- wann er dann sogleich Achtung und gab den Un- terthanen Hoffnungen, die seine Regierung erfiillt hat."
Freilich der Minister von Ftirstenberg, den Friedrich zum Coadjutor von Minister gewollt hatte, ein Mann, ttber dessen hohe Tugenden alle Zeit- genossen einig sind, ,,einer der seltenen Manner, die der Himmel zur Pflege der Kiinste und des Guten ausersah und mit alien dazu nb'thigen Gaben schmuckte," — und den auch Minister selbst als seinen Herrn sehnlichst erhofft hatte, trat sogleich von seinem Amte ab. ,,Allein der statt seiner er- wahlte Erzherzog schritt in der innern Verwaltung auf FUrstenb erg's Wege so gut fort, und bewies unter drtickenden Zeitumstanden in den aussern
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Verhaltnissen so weise Vorsicht, als es irgend em Eingeborner, als es selbst Ftirstenberg kaum ver- mocht haben wiirde." *
Das gleiche Lob einer wahrhaft weisen Regie- rung wird denn Max Franz auch nach dem Antritt seiner Herrschaft in Bonn gezollt. Wir wissen, das8 es hier gait, sowohl manchen mittelalterlicben Un- rath aufzuraumen als Willkiir und Verwirrung jeder Art zu tilgen. Zuerst reformirte er, der ein Schtiler Josephs II. war und bereits seit 1780, wo er Gross- meister des deutschen Ordens geworden war, sein praktisches Talent zum Regieren vielfaltig erprobt hatte, das Finanz-, Polizei- und Justiz-Wesen und brachte Oekonomie in die Staats-Ausgaben, mit de- nen allerdings ein Belderbusch in gar schnoder Ver- schwendung verfahren war. Den Beamtenstand, der durch Despotic stets verwildert wird, brachte er wieder zum Bewusstsein seiner Pflicht ,,Die Staats- diener konnen sich nicht lebhaft genug von der Wahrheit durchdringen, dass ihre Aemter der Trost und nicht die Geissel des Lebens der Regierten sein miissen," sagte er und ging alien mit dem Beispiel des Fleisses, der Ordnung und der Redlichkeit vor- an. Einfach wie er selbst war, schrankte er auch den tippigen Hofhalt ein und schaffte auch dort hunderte von Missbrauchen ab. Dann erst, nachdem er seinen Unterthanen gezeigt, was sie von ihm zu erwarten batten, nahm er die Huldigung als Chur- ftirst an.
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Dies geschah am 5. August 1784, und im De- zember bereits empfing er auch, das Privilegium seiner Mutter nicht achtend, mit wahrer Wiirde und Andacht die Priesterweihe.
Gleichwohl war keiner der damaligen geistlichen Ftirsten weniger pfaffisch gesinnt als er. Und wenn es freilich etwas frivol aussah, dass Max Franz, um sich die erzbischofliche Beobachtung der kirchlichen Brauche moglichst bequem zu machen, gelegentlich wohl auf seinem Jagdzelter sitzend vor der Kirch- thtire die Messe mitanhorte, so ist andrerseits nicht zu vergessen, dass dieser Fiirst zu jenen vier hohen geistlichen Herren gehb'rte, welche die Anmassun- gen des pabstlichen Stuhles fur Deutschland ener- gisch zurtickwiesen und im August 1786 die be- rtihmten 23 ,,Emser Punctationen" unterzeichneten, wodurch, wenn sie festgehalten wurden, das Fun- dament einer wahren deutschen Nationalkirche ge- legt worden ware. Ebenso suchte er in Wahrheit das Heil seines Volkes auch durch die Kirche zu befordern, indem er mit grosster Entschiedenheit fiir die bisher so sehr vernachlassigte wissenschaft- liche Bildung der Geistlichkeit sorgte. Er ernannte nur solche Geistliche zu Pfarrern, die in einem ge- ho'rigen Examen bewiesen hatten, dass es ihnen ,,ausser den nb'thigen Pastoralkenntnissen nicht an gelauterten Grundsatzen fehle, das heisst an solchen, die auf einer reinen Philosophic beruhen, ohne de- ren Kenntniss kein Seelsorger im Stande ist, das
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Volk auf die echten Wege der Gliickseligkeit zu leiten und dasselbe von dem Blodsinn des Aber- glaubens und den Thorheiten der Unwissenheit zu heilen." Andererseits stiftete er in Coin, woeinwustes Pfaffenwesen in erschreckender Weise uberhand nahm, Versorgungs-Anstalten fur arme und kranke Geistliche, um so dem Unfug des Verhandelns von Messen u. s. w. wenigstens einigerniassen zu steuern. * Es scheint nun, dass in den ersten Jahren seiner Regierung dem edlen Fiirsten nicht viel Zeit noch Geld blieb, die Dinge seiner personlichen Nei- gung zu betreiben/ Die materiellen Verbesserungen des Landes frassen so sehr alle seine Mittel auf, dass Wissenschaft und Kunst, vor allem das Theater einstweilen zurucktreten mussten. Allein ausser der Sorge ftir das niedere Schulwesen nahm er dennoch von vornherein nichts so sehr personlich in die Hand wie die Herstellung einer Universitat. Es war nam- lich kurz vor dem Anfange seiner Regierung die von Max Friedrich erbetene kaiserliche Bestatigung angekommen, und so vollzog Max Franz am 20. November 1786 die Einweihung jener Hochschule, die seitdem vielen Ruhni erlangt hat? mit grosster Pracht und Feierlichkeit. Die von ihm selbst ver- fasste Rede zur Feier dieses Actes ist zu bezeich- nend fur die Richtung und die Begabung des treff- lichen Fiirsten, als dass wir sie hier nicht mitthei- len sollten. Seine eigenen Worte belehren uns iiber sein Wesen besser als jede Schilderung.
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Nachdem er zunachst seines Vorfahrers Max Friedrich als eigentlichen Grunders gedacht, redet er von der Menge der Hilfsmittel alterer hoher Schulen, die dem neuen Institut noch gebrechen wtirden, und dass es also die Hauptabsicht der Lehrer sein mtisse, dahin zu streben, dass die Universitat durch Ntitzlichkeit mit andern zu wetteifern mb'ge. ,7Daher werdet ihr, denen die so wichtigen go'ttlichen Wis- senschaften anvertraut sind, keine Mtthe sparen, tttchtige Theologen, nieht Grubler, sondern griind- lich Denkende — nicht Neuerungsstichtige, sondern Glaubige, — nicht Heuchler, sondern Ueberzeugte, — nicht Verfolger, sondern Belehrer, — nicht stolze, sondern sanftmuthige, — nicht trage, sondern em- sige mit thatiger Nachstenliebe beseelte Geistliche zu bilden! —
7?Ihr Kechtslehrer mttsset euch bestreben, durch wahre Beibringung der Sinne und des Zweckes der Gesetzgebung gute Kechtsgelehrte zu bilden. — Und ihr, die ihr euch die Heilkunde des Menschen zur Beschaftigung machet, suchet die Natur des Menschen und ihre Heilmittel ganz zu ergrtlnden. Sehet zurtick zu eurer Aneiferung auf die grosse Zahl Menschen, die eurer Hilfe bedarf. Lasset in dem Herzen eurer Schuler das Gefuhl des Wolthuns und der Nachstenliebe entstehen, welches allein fa- hig ist; sie wahrhaft glucklich zu machen ! — Was soil ich zu euch sagen, ihr Weltweisen, die ihr den Menschen mit sich selbst bekannt machet und zu
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alien andern Kenntnissen vorbereitet. Ihr liabt die Jtinglinge unter euern Handen, gerade in der Zeit, wo sich ihre Talente am meisten entwickeln. Ihr lehret sie denken ; dies istdas entscheidende im Menschen! Sie gottesfurchtig, edel, gehorsam, tugendhaft, redlich und ftir den Nachsten gefiihlvoll denken lehren, sei eure erste Pflicht. Dem Menschen seine selbstige Seelenkraft, sein Verhaltniss mit andern, seine Schuldigkeiten und die Wege zum wahren dauerhaften Vergntigen kennen zu machen, ihn endlich zu lehren, wie er seine Gedanken ord- nen und daher bestimmt und uberweisend ausdriik- ken soil, sei euer Lieblingsgeschaft. Dann werdet ihr die Jiinglinge denken, ihr werdet sie nachfor- schen, ihr werdet sie richtig schliessen gelehrt ha- ben, wodurch der Mensch vorgebildet und befahigt wird, sich und seines Nebenmenschen Seele, Kor- per und Vermogen zu erhalten und gegen die ver- schiedenen in diesem Leben vorfallenden Angrtffe zu schutzen!
,,Ihr seid alle Glieder eines Korpers dieser hohen Schule, und musst euch also stets mit ver- einigten Kraften zum allgemeinen Zweck der Be- fdrderung der menschlichen Gliickseligkeit verwen- den. Nur der, der das wahre Gute kennt, kann Mittel, dasselbe zu erlangen ergreifen. Jener Mensch wird glucklich, der sonst voll Unwissenheit das gottliche und sein eigenes Wesen misskennend von falschen Begierden umhergetrieben dsn Weg
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seines Gltickes mehr und mehr verfehlt, in dieser Welt mit unruhigem Gemttthe lebt und sich ein schreckliches Gericht der Ewigkeit zubereitet. —
,,Dies sind die traurigen Folgen der Unwissen- heit, welchen durch griindliche Belehrung vorzu- beugen eure Pflicht sein soil. — In dem festesten Zutrauen, dass ihr diesen Gesichtspunkt nie ver- lassen werdet, tibergebe ich Ihnen — dem Freiherrn Spiegel von Diesenberg — das kaiserliche Diplom und die der hohen Schule zugesicherten Privilegien. Joseph, der die Menschen und den Nutzen der Aufklarung zu schatzen weiss, gab sie euch in der Zuversicht, dass ihr seinen hohen Ab- sichten entsprechen werdet. — Empfangen Sie von mirdieUniversitats-Insignien. Ihrmusset solche nicht als blosse Ehrenzeichen betrachten, sondern als eine Unterscheidung, die euch stets an eure Pflich- ten erinnert. Ich misskenne nicht, wie gross die euch aufgeburdete Last sei. Darum lasst uns ge- gen den wenden, der allein diesem neu aufgehen- den Werke Licht, Weisheit, Kraft und Nutzbarkeit verschaffen kann. Lasst uns hingehen zum Tempel des Herrn, und vor dessen Angesicht den Geist des Lichtes und der Wahrheit, den Geist aller Weisheit erflehen, dass er diese hohe Schule unter seine Leitung nehmen wolle, darnit auf derselben die Of- fenbarungen seines geheiligten Wortes stets die Granze des Verstandes, die Grundlage der Sitten- lehre geben moge.a *
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Wahrlich, wenn auch die letzten Worte etwas nach der Autoritat der Kirche schmecken, so liegt doch in der ganzen Anschauung des Mannes, der ein geistlicher Fiirst war, und selbst im Schluss der Rede so wenig Pfaffisches, vielmehr leuchtet aus den Worten, dass es in alien Dingen auf die Selbstthatigkreit des Geistes, aufVernunft und Ge- wissen ankomme, so sehr das Bewusstsein von dem Angelpunkt, urn den sich die menschliche Welt dreht, und eine solche Achtung vor der Wissen- schaft hervor, dass es gar nieht zu begreifen ist, wie Madame Campan erzahlen kann: 7,Le voyage de Tarchiduc fut de toute fac.on une mesavanture ; ce prince ne fit partout que des bevues," — dass Marie Antoinette daruber sehr ungliicklich sei, und Joseph II., als er nach Paris gekommen, sich un- verholen tiber die Dummheiten seines Bruders auf- gehalten habe. Ebenso schreibt Mozart am 17. No- vember 1781 an seinen Vater: ?,Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand, — so ist es auch wirk- lich heim Erzherzog. Als er noch nicht Pfaff war, war er viel witziger und geistiger und hat weniger aber vernttnftiger gesprochen. Sie sollten ihn itzt sehen! Die Dummheit guckt ihm aus den Augen heraus, er redet und spricht in alle Ewigkeit fort und alles imFalset, — er hat einen geschwollenen Hals, — mit einem Wort, als wenn der ganze Herr umgekehrt ware!" — Sollte das in Aussicht ste- hende Amt damals einen solch verkehrten Einfluss
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auf ihn gehabt und er die Bedeutung und Pflicht desselben so missverstanden haben? Jedenfalls war Max Franz jetzt nicht mehr so, sondern machte auf Alle den gerade entgegengesetzten Eindruck der unbefangensten geistreichsten Heiterkeit. Audi We- geler nennt es ,,eine schone vielfach regsame Zeit, so lange der selbst geniale Churfurst Max Franz, Maria Theresia's jungster Sohn und Liebling, fried- lich daselbst regierte." Und der Herr von Seida, sein Biograph, erzahlt schon von der Huldigung in Bonn: ,,Der Churfurst beantwortete die Rede des Ftirsten von Hohenlohe, die ein achter und warmer Patriotismus sehr anziehend machte, mit einem sol chen Nachdrucke und sachvoller Ktirze, dass das GefUhl aller Anwesenden, die schon die milde Ma- jestat seiner Person, der Zauber, der auf jeder sei- ner Geberden und Bewegungen schwebte, gewonnen hatte, sich in siisser Bewunderung ergoss." Freilich 1st diess ein Herr, der ,,dem erlauchten Ftirsten als Unterthan und Staatsdiener anzuhoren das Gltick hatte," und der also etwas Anbetung treibt, im Uebrigen aber als ein verstandiger vorurtheilsloser Mann sich erweist.
Aber auch das zeugt, wie wenig Joseph II. Recht hatte, tiber seinen jiingsten Bruder zu lacheln, dass er, wie der Kaiser selbst einfach, bescheiden und jeder Neigung sich adoriren zu lassen, jenem grb'sstem Unheil der Fursten, vollig ferae war. ,,So leutselig, liebreich, freundlich und herablassend er
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gewolmlich gegen Jedermann war, so sehr wusste er zu seiner Zeit durch Ernst zu imponiren, oder mit seinen durchdringenden Adlerblicken demjeni- gen eine feurige Scham ins Antlitz zu jagen, der seinen Abstand vergessen oder durch alberne Schmeicheleien sich werth machen wollte. Die hirn- losen Schmeichler und die platten Zweiachsler, wo- von sich die kleinen ehrgeizigen Haupter der Reichs- stadte so gern umgeben und berauchern lassen, hielt dieser erhabene Freund des Lichts und der Wahrheit auf das sorgfaltigste von sich entfernt. Er wusste immer zu wohl, dass die Speichellecker die Pest alles Guten und alles Grossen sind und dass, urn sich immer rauchern zu lassen, die Nase eines Gottes oder vielmehr die holzerne einer Statue dazu gehort." Er hatte ein lebhaftes Selbstge- ftihl, und wenn der alte Fritz meinte, Joseph thue stets den zweiten Schritt ohne den ersten, so nen- nen die Geschichtschreiber vielmehr die Reformen Max Franzens ,,im Ganzen wohlgemeint und im Einzelnen nicht ungeschickt." Nur dass er gerade wie Joseph II., obwohl auch ihm nachgeruhmt wird, dass sich vor seiner schnellen Urtheilskraft das Zweckmassige vor dem Unzweckmassigen augen- blicklich geschieden habe, — sich seiner Fahigkeiten so sehr bewusst war, dass er ,,haufig die ihm gege- benen Rathschlage verschmahte und in seinen Ge- Itihlen, die freilich durch einen hellen Verstand ge- lautert war en, aber ihm doch nicht immer den gera-
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den reinen Blick in die Reviere der Wahrheit ge- statteten, einen untriiglichen Wegweiser zu finden glaubte und es so nicht fehlen konnte, dass seinen Verhandlungen manchmal sehr sichtbare Fehler der Einseitigkeit — und wir erganzen wie bei Joseph II. der Willkur und Bevormundung — an- klebten." 5
Allein die Thaten entscheiden den Werth des Mannes. Schauen wir also zu? was dieser Ftirst auch auf dem fur uns bedeutsamen Gebiete, in Wissenschaft und Kunst geleistet hat.
Die unermudliche Thatigkeit des freisinnigen Freiherrn Spiegel von Diesenberg, welchen Max Franz mit klugem Sinn zum Curator ernannt hatte, sodann die Berufung vieler vortrefflichen Leh- rer wie Hedderich, Dereser, Rougemont, Daniel, spater auch Fischenich und Wurzer, brachten die neue Universitat bald in Schwung, so dass aus ihr trotz der Kiirze ihres Bestehens eine Reihe tiich- tiger Manner hervorgingen. Vor Allem aber musste auf Maximilians Befehl in der kostbaren Hofbiblio- thek7 die die Meisterwerke der Literatur aller Na- tionen enthielt, ein eigener Saal zum Lesen und Schreiben fur Wissbegierige zum offentlichen Ge- brauche eroffnet werden. Er selbst, der ,,mit Em- pfindung unsere besten Schriftsteller las,a begab sich b'fters dahin und liess sich von dem wackern Bibliothekar das Verzeichniss der Lesenden und der von ihnen geforderten Bttcher, mit der en Wer-
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the er eine ziemlich vertraute Bekanntschaft hatte, vorlegen, um dadurch die jungen Leute von einer faden und tandemden Lecture abzuhalten und an- zufeuern, der soliden Gelehrsamkeit Geschmack ab- zugewinnen und nur nutzliche, ihrem kunftigen Be- rufe angemessene Bttcher zur Hand zu nehmen." Schmeckt diess auch etwas nach der Bevorniun- dung des patriarchalischen Ancien regime und dem Utilitatsprincip der Aufklarungszeit/ so ist niclit zu vergessen, dass die Masse des Volkes damals nock zu wenig unterrichtet war, um das Gangel- band der Autoritat sofort mit der Wahl nach freier Neigung vertauschen zu dtirfen. Uebrigens ward dann 1789 die Bonner ,,Lesegesellschafta einge- richtet; in die ein Jeder mit Ausnahme der Studenten eintreten konnte. Max beschenkte ihr Local auf dem Rathhause mit den nothigen Mobeln und besuclite sie haufig.
Auch fur bildende Ktinste scheint der Chur- furst Sinn gehabt zu haben. Wenigstens sandte er ,,nebst vielen anderna die Zwillingsbriider Kiigel. chen aus Bacharach zu ihrer Ausbildung fur lan- gere Zeit nach Italien. 6 Sein Hauptinteresse aber war Theater und Musik, und auch hierin sollte er sich als einen Mann beweisen, der die Neigungen seiner Zeit theilte und ihre Bedlirfnisse verstand. Da aber die Thaten Max Franzens auf diesem Ge- biete mit zum eigentlichen Gegenstand unserer Er- zahlung gehoren? so konuen wir hier, wo es sich
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um vorbereitende Dinge handelt, zunachst nur von seiner eigenen Befahigung zu dieser Kunst reden.
Es 1st bekannt, wie ungemein musikalisch die kaiserliche Familie war. Schon Karl VI. war ein tuchtig gebildeter Musiker gewesen, und Maria Theresia, die fruhzeitig Stimme und Talent zeigte, hatte bereits als siebenjahriges Kind in einer Oper vom alten Contrapunctiker Fux zur Feier des Kirch- gangs ihrer Mutter Elisabeth die Partie der Prima- donna gesungen, so dass sie spater einmal im Scherz zu Faustina Hasse sagte, sie glaube die erste von den lebenden Virtuosen zu sein. Vierzehn Jahre spater trug sie in Florenz ein Duett mit dem Castraten Senesino so schon vor, dass der be- riihmte alte Sanger vor freudiger Ruhrung weinte, und selbst in spatern Jahren soil sie noch sehr gut gesungen haben. Da nun ihr Gemahl, der lebens- frohe Franz von Lothringen ebenfalls musika- lisch war, so gait auch, wie die merkwurdigen In- structionen der Kaiserin zeigen; bei der Erziehung der Kinder die Musik als ein wesentlicher Gegen- stand. Darum lernten die Prinzessinen ebenfalls sehr gut singen, und Kaiser Joseph, von dessen mu- sikalischen Kenntnissen und Urtheilen vor Allem Dittersdorf viel erzahlt, spielte Flugel und Vio- loncell. Ebenso ist bekannt wie freundlich der kleine Wolfgang Mozart am Kaiserhof aufgenommen wurde und von dort seinen Weltruhm begann. Das
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war im Jahre 1763. Maria Theresia liatte an den Kindern ein solches Gefallen, dass sie ausser dem Honorar dem ,,Nannerl" ein weissseidenes Hofkleid einer Erzherzogin schenkte und dem Wolferl ein lillafarbenes Kleid mit breiten Goldborten, das fiir den gleichaltrigen Erzherzog Maximilian, den spatern Churfursten, gemacht war. Wolfgang hatte als leb- haftes Kind in vollster Unbefangenheit mit den Erz- herzogen gespielt, und man weiss, dass Maria The- resia zu sehr eine echte deutsche Frau und Mutter war um nicht diesem Verkehre mit Freude zuzu- schauen. Spater war Mozart noch einigemal bei Hofe gewesen und desshalb stets auch im Anden- ken des Erzherzogs Maximilian geblieben.
Auch hatte er im Jahre 1775 bei den Hoffe- sten, zu welchen der Aufenthalt Maximilians in Salz- burg Veranlassung gab, aus Auftrag des Erzbischofs die Festoper ,,11 r6 pastore" komponirt. Von da an war denn Maximilan ein besonderer Gonner Mo- zarts geworden; ja bei ihm gait Mozart alles, er strich ihn bei jeder Gelegenheit heraus, und ware er nur erst ChurfUrst - er war damals Coadjutor, — so *wtirde Mozart sicher schon sein Capellmeister sein. So hatte er sich auch bei der Prinzessin Elisabeth von Wiirtemberg,